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Eine Zeitreise durch die Tübinger Bädergeschichte

2014 feierte das Uhlandbad sein 100jähriges Bestehen. Die dafür konzipierte Jubiläumsausstellung, bestehend aus 12 Tafeln und Postkarten zum Mitnehmen, ist auf der Galerie im Uhlandbad zu den üblichen Öffnungszeiten zu sehen. Eintritt für Schwimmbadbesucher frei.

Die Zeitzeugen (v.l.n.r.):  Winfried Huthmacher (als Kind hat er das Uhlandbad besucht, später als Architekt hat es umgebaut),  Bernd Gugel (als Feuerwehrtraucher trainiert er im Uhlandbad), Ruth Winkler (als Kind lernte sie vor 80 Jahren Schwimmen im Uhlandbad, ihr Vater arbeitete an der Kasse), Michael Grözinger (Leiter des Uhlandbades), Erich Lober (ehem. Freibadleiter, arbeitete davor lange Zeit im Uhlandbad), Rainer Ruf (in den 1950er Jahren war er Mitglied im Schwimmverein und dem Sohn des Bademeisters befreundet).

Geschichten aus dem Uhlandbad

Weitere Geschichten zum Nachlesen

Tübinger Blätter 2014: Die Krone aller Wasseranwendung. 100 Jahre Uhlandbad

Die Krone aller Wasseranwendung. 100 Jahre Uhlandbad

„Die Krone aller Wasseranwendung. 100 Jahre Uhlandbad“ in: Tübinger Blätter. Das Magazin des Bürger- und Verkehrsvereins 2014

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Folge 1: Eine Kindheit im Hallenbad – Elisabeth Buchhalter

Eine Kindheit im Hallenbad: Von Lichtbädern, Hundetrocknern und der Badewanne Nr. 9

Interview mit Elisabeth Buchhalter

Mit wem sonst als ihr könnte unsere Geschichtenserie zum 100. Geburtstag des Uhlandbad beginnen? Elisabeth Buchhalter ist die Tochter des ersten Bademeisters Karl Buchhalter und kam 1923 in der Dienstwohnung im 2. Obergeschoss des Uhlandbads zur Welt. Wir trafen sie in einem Tübinger Seniorenheim.

Im Schwimmbad geboren

Meine Familie wohnte mehr als 30 Jahre im Uhlandbad. Mein Vater, Karl Buchhalter, war Kraftfahrer, später „Maschinenobermeister“. 1912 war er aus Reutlingen nach Tübingen gekommen, arbeitete in der Lustnauer Brauerei Heinrich und bei Marquart. 1914 wurde er dann von der Stadt als Bademeister für das Uhlandbad eingestellt. Da er sich wie so viele freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hatte, wurde er wenige Wochen nach Eröffnung eingezogen und war bis 1918 im Krieg.

Mein Vater war in erster Linie Techniker. Er war für den Betrieb verantwortlich, musste die Maschinen und Heizanlagen bedienen und überwachen. Es gab ja diese fortschrittliche Fernwärmeversorgung vom Gaswerk her. Er hat aber auch Schwimmkurse gegeben - viele auch für Erwachsene - und war ein strenger Schwimmlehrer. Im Dienst trug er immer einen grauen Mantel. Seine 1. Frau, später auch meine Mutter musste mitarbeiten, war für die Wäscherei im Haus zuständig und hat auch im Dampfbad und Wannenbad mitgeholfen.

Wir waren drei Kinder und haben bis 1947 in einer der Dienstwohnungen im 2. Stock gewohnt. Nebenan wohnte die Familie Beerschwinger - er war Schwimmlehrer und Masseur - mit zwei Kindern. Später gab es noch Herrn Maigler, der sommers im Freibad arbeitete. Und ich erinnere mich an Herrn Henig, den Leiter der Stadtwerke und technischen Betriebsleiter.

Wir hatten es recht komfortabel dort, es gab eine Zentralheizung. Mein Vater hatte auch eine Warmwasserleitung bis in die Küche gelegt - Beerschwingers hatten das nicht, die haben das warme Wasser im Wannenbad 1. Klasse geholt. Mit drei Kindern wurde es allerdings eng. Wir haben dann eine Wand eingezogen, um einen Raum mehr zu haben.

Wie es damals aussah

Wenn man reinkam, war links der Friseur Sauter mit Herren- und Damensalon. Viele ließen sich nach dem Baden hier frisieren. Dahinter waren die Kasse und die Wäscheausgabe. Vor allem fürs Dampfbad („russisch-römisches Bad“) hat man viel Wäsche gekriegt: große, schwere Handtücher. Rechts standen Sitzbänke und ein kleines Wasserbecken mit Goldfischen drin, dahinter ging es zum Dampfbad, für das Herr Beerschwinger zuständig war.

Die Wannenbäder waren sehr wichtig! Die 1. Klasse im 1. Stock hatte von Dienstag bis Sonntag, die 2. Klasse im Keller von Donnerstag bis Sonntag geöffnet. Im Keller gab es auch Kabinen mit Brausebädern. Im Wannenbad standen Badewannen mit Füßchen. Die Gäste mussten oft lange warten, vor allem samstags. Im Wartesaal lagen auf einem Tisch Illustrierten und Zeitungen, die haben wir auch immer fleißig gelesen. Als Kind bin ich am liebsten in die Kabine Nr. 9 gegangen, die war kleiner und wärmer als die anderen. In jeder Badekabine stand ein Wecker, der auf eine halbe Stunde eingestellt wurde, dann hatte man die Wanne schleunigst zu verlassen. Wenn es nicht voll war, nahm man das aber auch nicht ganz so genau. Nach jedem Gast wurde die Wanne gereinigt und der Boden geputzt. Auch die Duschen wurden nach jedem Benutzen ausgewischt.

Ein geheimnisvoller Kasten

Besonders fasziniert hat uns Kinder das elektrische Lichtbad in der 1. Klasse: Das war so ein Holzkasten mit lauter Glühbirnen und Spiegeln drinnen, in dem man auf einem Stuhl saß, so dass nur der Kopf rausguckte. Dann sollte man schwitzen.

Im Keller befand sich die Wäscherei, da gab es eine Gaswaschmaschine, eine Schleuder, einen Bügelraum und einen zum Wäschetrocknen im Winter. Und Dampfkessel, denn zum Heizen der Wannen-und Dampfbäder reichte die Fernwärmeleitung nicht aus. Der Heizer kam morgens um 6 Uhr, füllte die Kessel mit Koks. Er musste auch sämtliche Messingarmaturen im Schwimmbad, den Wannenbädern und Duschen putzen.

Hinter dem Uhlandbad waren Gärten und der Eingang zum Hundebad: Hunde kamen in eine Emaille-Wanne mit warmem Wasser und es gab auch einen elektrischen Apparat mit Birnen zum Trocknen hinterher.

Tägliches Ziel: die Schwimmhalle

Die Schwimmhalle hatte ein hohes Gewölbe. Rechts und links vom Becken waren die Umkleiden, einige auch auf der Galerie. Das Wasser war nur etwa 18-22°C warm. Zwei- bis dreimal in der Woche, montags, mittwochs und freitags, wurde das Schwimmbecken neu befüllt und gereinigt. Am Nachmittag wurde das Wasser abgelassen. Die Frauen mussten in der Waschküche im Untergeschoss in den Waschkesseln Seifenbrühe kochen und eimerweise hinauftragen. Damit wurden die Böden und das Becken geschrubbt.

Mit meinen beiden jüngeren Brüdern bin ich natürlich oft geschwommen, immer frühmorgens und abends. Mit fünf Jahren habe ich Schwimmen gelernt. Ich hab mich an der Stange am Beckenrand entlang gehangelt ins Tiefe. Vorher mussten wir Trockenübungen machen. Es gab auch diesen Kran mit Ring, in den man gehängt wurde oder Korkgürtel, die einen oben hielten. Klar, waren wir auch im Schwimmverein. Wenn unsere Freunde kamen, mussten wir immer Karten lösen - da war mein Vater sehr korrekt.

Samstags war es immer besonders voll, auch viele Studenten kamen. Sonntags war geschlossen. Montags war Schülerschwimmen und der Mittwochmittag war fürs Militär reserviert: Wenn eine Kompanie drin war, hat die andere schon unten gewartet. Was meinen Sie, was das für ein übler Geruch war im Haus!

Damals sind ja auch viele Reutlinger ins Uhlandbad gekommen. Erst 1929 hat Reutlingen ein Hallenbad bekommen. Mein Vater hatte sich dort beworben, er hätte dort einiges mehr verdient. Doch die Reutlinger hatten kurz vorher erst einen Musikdirektor aus Tübingen gekriegt, da konnten sie nicht auch noch einen Badleiter von hier einstellen. Das Reutlinger Bad haben wir trotzdem oft besucht und hatten viele Bekannte dort, auch durch die gemeinsamen Schwimmfeste.

1947 sind wir aus dem Uhlandbad ausgezogen, da war mein Vater in Rente und hatte im Übrigen genug vom Ärger mit der Besatzungsmacht, die zu dem Zeitpunkt das Bad beschlagnahmt hatte. Er hatte ein Grundstück unterhalb der Wanne gekauft und hat gern im Garten geschafft. Ich habe später mit meinem Bruder dort gewohnt. Mein Bruder ist noch lang ins Uhlandbad schwimmen gegangen. Ich bin auch immer wieder dort gewesen - zum Massieren oder bis vor kurzem noch zur Fußpflege. Schwimmen tu ich nicht mehr.

Folge 2: "50 Prozent Knochenarbeit" Der ehemalige Uhlandbadchef Jochen Anger erinnert sich

„50 Prozent Knochenarbeit“: Der ehemalige Uhlandbad-Chef Jochen Anger erinnert sich

Das Uhlandbad ist sein Zuhause. Mehr als 25 Jahre arbeitete er hier als Schwimmmeister. Bis heute wohnt er in dem denkmalgeschützten Gebäude. Was alles dazugehört zu dem Job und was früher anders war als heute, erzählt er anlässlich des Jubiläums.

Wie war das, als Sie im Uhlandbad anfingen?

Ehrlich gesagt, war ich zuerst enttäuscht. Ich kam ja vom viel größeren und moderneren Hallenbad Nord. Aber nach und nach habe ich das kleine Bad schätzen und lieben gelernt. Es wurde zu „meinem Bad“.

Sah es damals anders aus als heute?

Wenn man reinkam, stand da ein Kassenhäuschen. Wir haben damals noch zwei Kassiererinnen beschäftigt, außerdem sechs Badefrauen. Es gab ja noch die Wannenbäder: drei Badewannen im Erdgeschoss und sechs Duschen im Keller. Der Bedarf war noch da. Vor allem Studenten und Altstadtbewohner haben die genutzt. Das frühere Wannenbad im 1. Stock war aber längst umgewandelt zur Massageabteilung, die der damalige Uhlandbadleiter Schäfer führte. Als er in Rente ging wurden die Räume dann vermietet.

Was war in Ihrem Beruf früher anders?

Die Bädertechnik war viel aufwändiger zu bedienen. Das war noch viel Handarbeit, zum Beispiel die Filteranlagen, die mit Kieselgur-Pulver und Aktivkohle funktionierten. Die Stoffscheiben gingen hin und wieder kaputt, dann sickerte was durch und das Wasser wurde milchig-trüb oder schwarz. Eine Mordsarbeit war das! Später bekamen wir Sandfilter, das war einfacher. Man musste immer große Säcke schleppen, alles anrühren, den Boden absaugen. Bestimmt 50 Prozent Knochenarbeit. Zum „Entspannen“ wurde jeden Abend die Abrechnung gemacht, die Eintrittskarten und Einnahmen gezählt, den Handtuchverleih gab es auch noch. Und es gab manche unruhige Nacht! Als Chef des Uhlandbads musste ich eine der Dienstwohnungen im Haus beziehen. Es gab ja noch keine Leitstelle - alle Störmeldungen gingen direkt zu mir. Man war jederzeit in Bereitschaft. Aber in der Nachbarwohnung lebte auch ein Kollege, so dass wir uns abwechseln konnten.

Wie war der Umgang mit dem Publikum?

Nicht immer einfach. Es gab schon immer viele Stammgäste im Uhlandbad - da hat eben jeder seine Gewohnheiten. Schwierig wurde es manchmal, wenn während der Sommerpause die Schwimmer des Hallenbads Nord dazukamen. Man muss diplomatisch sein und immer die Ruhe bewahren. Doch insgesamt waren es nette Kontakte. Ich habe viele schöne Momente erlebt.

Es gibt viele sehr aktive ältere Damen, die oft kommen und sich fit halten. Das imponiert mir. Frauen sind die Härteren – das merkt man ja auch im Freibad. Manche kommen natürlich auch zum Schwätzchen ...

Wo haben Sie selbst schwimmen gelernt?

Im Neckar. Es gab ja das Freibad im Fluss, etwa auf der Höhe des heutigen Freibads. Vom Zentrum aus konnte man da mit einem Motorboot hinfahren. Als Kind war ich im Winter oft im Uhlandbad. Und schon früh in der DLRG aktiv. Ich war der mit den meisten Rettungsstunden. Später wurde ich bei der Marine zum Rettungsschwimmer ausgebildet.

Was schätzen die Gäste am Uhlandbad?

Es liegt zentral, die Atmosphäre ist familiär. Viele kennen das Bad seit ihrer Kindheit, für die ist es einfach Tradition. Ich kenne Familien, da habe ich den Kindern das Schwimmen beigebracht und dann kamen die wieder mit ihren Kindern. In der Stadt sprechen mich manchmal ehemalige Schwimmschüler an – das sind nette Begegnungen. Bei mir haben Hunderten von Kindern schwimmen gelernt.

An welche kuriosen Begebenheiten erinnern Sie sich?

An ein absurdes Schild damals in den Duschen: „Duschen ohne Badekleidung verboten.“ - Kann man sich heute nicht mehr vorstellen! Einmal hat ein altes Mütterchen sein Gebiss im Schwimmbecken verloren und mir das mit Zeichen aus dem Wasser raus klargemacht. Ihr war das wahnsinnig peinlich. Das Ding lag auf 3,50 m Tiefe. Ich hab mich dann umgezogen und es rausgeholt – so ganz diskret ging das allerdings nicht.

Was haben Sie zu Ihrer Zeit eingeführt?

Die Wassergymnastik war damals ganz modern. Die bunten Schwimmnudeln wurden von vielen zuerst abgelehnt – als Kinderspielzeug. Mit der Zeit haben die Leute dann gemerkt, dass die ganz prima sind. An manchen Tagen habe ich zu jeder Stunde die Gymnastik angeleitet. Noch heute höre ich von Stammgästen: „Ich mach noch immer Ihre Übungen!“ Oft war das lustig. Manchmal aber auch ein wenig lästig. Dass die technischen Aufgaben viel Zeit in Anspruch nahmen, hatte auch sein Gutes. Man konnte sich mal zurückziehen.

Schwimmen Sie heute noch gern?

Ja, aber am liebsten im Mittelmeer. Nicht in Tübingen. Hier gehe ich lieber mit unserem Hund spazieren.

Folge 3: Saubere Konfirmanden über die Uhlandbad-Dusche 1951 – Walter Roller

„Saubere Konfirmanden“:  Walter Roller über die Uhlandbad-Dusche 1951

In der Nachkriegszeit öffnete das Uhlandbad erst nach und nach für die Tübinger Bevölkerung. Es war als „piscine militaire“ beschlagnahmt und zunächst nur für das französische Militär zugänglich. Man hatte mit zahlreichen technischen und hygienischen Problemen zu kämpfen und Schwierigkeiten, das Bad zu heizen. Ab 1947 durften wieder Tübinger ins Wannenbad, 1948 öffnete die Schwimmhalle stundenweise. Doch erst 1951 lief der Betrieb wieder weitgehend normal – und der Andrang war groß. Walter Roller aus Hirschau erinnert sich:

„Man schrieb das Jahr 1951. Keine gute Zeit, sowohl finanziell als auch was Lebensmittel anging. Unsere Badeanstalten waren in dieser Zeit der Neckar und der Kanal beim Elektrizitätswerk Rappenberghalde. Eine Insel diente als Liegewiese, auch am Mühlbach in Derendingen - bei der Wasserpumpstation für die Lokomotiven im Bahnbetriebswerk Tübingen – gingen wir schwimmen.

Wir wohnten damals in der Sieben-Höfe-Straße in Derendingen. Wir waren vier Brüder, Jahrgang 1937-1942, ich war der jüngste. Als mein ältester Bruder aus der Schule entlassen wurde und die Konfirmation in Reichweite war, durften wir jüngeren zum ersten Mal mit ihm ins Uhlandbad gehen zum „großen Hauptwaschgang“. Zu Fuß natürlich. Meine Erwartungen waren groß und ich freute mich natürlich sehr auf die warmen Duschen. 

Der einzige Duschraum der Schwimmhalle war unten, am Ende des Schwimmbeckens. Anders als heute war da alles offen. Aber von wegen duschen!

Unter jeder der sechs Duschen standen jeweils etwa fünf erwachsene Personen, die natürlich den jüngeren keinen Platz machten und wir nicht die geringste Chance hatten, uns reinzudrängen. Die gingen keinen Millimeter zur Seite. Da war dann höchstens alle halbe Stunde mal ein Plätzchen frei.

Aber das hat der Sache keinen Abbruch getan. Das Schwimmen hat Spaß gemacht! Ich gehe bis heute noch ins Uhlandbad, sehr gerne sogar!“

Folge 4: Blick ins Archiv – Die Uniformwäscherei 1915–1917

Blick ins Archiv: Die Uniformwäscherei 1915–1917

„Helden und Heldinnen fordert die Zeit / Zum ruchlos erzwungenen Krieg“

Der Erste Weltkrieg brachte dem Uhlandbad, das ja von der Wärmelieferung des städtischen Gaswerks abhing, schwierige Zeiten. Kohlemangel zwang dazu, Holz oder Schiefer zu vergasen, die Qualität war miserabel und die Gaslieferzeiten sowie die Badezeiten mussten zum Teil eingeschränkt werden. Trotzdem konnten die städtischen Werke der Bevölkerung ermöglichen „zu gleichen Badepreisen wie im Frieden in den Zeiten der Seifenknappheit etc. der recht nötigen Körperpflege nachzukommen“, wie Werksleiter Otto Henig nicht ohne Stolz schrieb, und wegen der „Massenbesuche des Militärs“ stiegen die Besucherzahlen.

Der Nationale Frauendienst wird aktiv

Tübingen war in dieser Zeit mehr Garnisons- als Universitätsstadt, 90 Prozent der Studenten waren im Krieg, die Stadt musste Einquartierungen und Truppendurchzüge verkraften. „Helden und Heldinnen fordert die Zeit / Zum ruchlos erzwungenen Krieg“, hieß es in einem Gedicht zur Mobilmachung Anfang August in der Tübinger Chronik. Das galt auch für die „Heimatfront“. Viele litten Not. Geld für die Familien der Ausmarschierten wurde gesammelt und ein Städtischer Hilfsausschuss gegründet. Vor allem der Nationale Frauendienst, dessen Ortsgruppe 115 Tübingerinnen angehörten, setzte sich für die Kriegerfamilien ein, organisierte Lebensmittelversorgung und Kinderbetreuung, vermittelte den Frauen Arbeit in der Landwirtschaft oder Obstverarbeitung, lehrte in Kochkursen, die rationierten Lebensmittel zu „strecken“, verschickte Feldpost und Pakete. In der Neuen Aula beschäftigte eine Näh- und Strickstube der Gebr. Junghans über 400 Frauen. Volksküchen wurden eröffnet, zum Beispiel auch im Elektrizitätswerk in der Grabenstraße, wo eine Obstdörre eingerichtet wurde.

Waschfrauen fürs Uhlandbad

Auch das Uhlandbad bekam neue Aufgaben: Hier, später auch im Elektrizitätswerk und in der Schlossbrauerei, organisieren städtische Werke und Nationaler Frauendienst eine Uniformwäscherei. „Die Uniformwäscherei, wohlwollend unterstützt von der damaligen Militärbehörde, konnte zeitweilig bis zu 60 Frauen beschäftigen. Waggonweise kamen und gingen die Bekleidungsstücke und neben sonstigen Beigaben bekam man auch noch Läuse“, erinnerte sich Otto Henig später.

Frau Buchhalter, die Frau des ebenfalls eingerückten Bademeisters und „Weißzeugverwalterin“ für die im Uhlandbad anfallende Wäsche, betreute nun auch die Uniformwäscherei im Untergeschoss. Sie nahm die Wäsche entgegen, gab Seife aus, die schwer zu beschaffen war, und lieferte alles wieder beim Regiment ab.

Die Wäscherinnen verdienten an einem 8-Stundentag 2,50 Mark zuzüglich Kranken- und Invalidenbeträge. Eine Frau mit zwei Kindern kam so auf einen Monatsverdienst von 47 Mark, inkl. Reichsunterstützung. Um möglichst viele profitieren zu lassen, wurden sie höchstens drei Tage pro Woche eingesetzt und die Arbeitszeiten so gelegt, dass sie auch „den Pflichten als Mütter“ nachkommen konnten.

Brotbeutel, Tornister und „angenehme Plauderstunden“

Anfangs gab es Probleme mit unzuverlässigen oder undisziplinierten Wäscherinnen, so dass eine weitere Aufsichtsperson eingestellt werden musste. Als im Mai 1916 das Kriegsministerium eine große Wäscherei in Ludwigsburg plante, drohte die Schließung, doch eine Eingabe des Oberbürgermeisters Haußer verhinderte das zunächst. Die Wäsche musste nun allerdings in Feuerbach desinfiziert und von einer Kommission des Ludwigsburger Kriegsbekleidungsamts kontrolliert werden. Das Amt beanstandete 1917 die maschinellen Einrichtungen und bestimmte, dass in Tübingen keine Leibwäsche oder Uniformröcke mehr, sondern nur noch Brotbeutel, Rucksäcke, Zeltbeutel, Reithosen mit Lederbesatz und Tornister mit der Hand gereinigt werden sollten. Als dann angeordnet wurde, die Stadt Tübingen hätte für Desinfizierung zu sorgen, war dies das Aus: Die Anschaffungskosten der entsprechenden Technik machten die Uniformwäscherei unrentabel. Im Juli 1917 verkündete der Gemeinderat die Schließung – mit der höchst interessanten Begründung, „die Einrichtung habe nicht mehr die Bedeutung als Erwerbsgelegenheit wie zu Anfang des Krieges …, sondern sei für viele Frauen lediglich das Aufhören einer bequemen Einnahme, verbunden mit sich täglich wiederholten angenehmen Plauderstunden“!

Die arbeitslos gewordenen Frauen, die nun in der Landwirtschaft oder in der „Notstandsnäherei“ untergebracht werden sollten protestierten, denn das Stricken war nicht beliebt: „Die Wolle haben wir zuhause, fällt uns gar nicht ein, dass wir stricken! – Diese Auffassung fand sich beim großen Teil der Frauen, hauptsächlich der lautesten“, so Otto Henig.

Quellen:

  • Magisterarbeit von Tina Löschner: „Es ist unsre heilige Pflicht“ Nationaler Frauendienst in Tübingen während des Ersten Weltkriegs, Kleine Tübinger Schriften, hrsg. Kulturamt Tübingen 1997
  • Otto Henig, Das Städtische Elektrizitätswerk von Tübingen 1902 bis 1927 und andere Aufzeichnungen, Archiv swt.

Folge 5: "Mein Vater saß an der Kasse" – Ruth Winkler erinnert sich

„Mein Vater saß an der Kasse“: Ruth Winkler war schon vor 80 Jahren Stammgast im Uhlandbad

Eine der ersten „Zeitzeuginnen“, die sich bei uns zum Thema Uhlandbad gemeldet hat, war Ruth Winkler. 1934 hat sie als 4-Jährige im Uhlandbad schwimmen gelernt. Sie und ihre Brüder gingen dort ein und aus: Der Vater arbeitete in den 20er und 30er Jahren dort als Kassierer.

Schwimmbadkasse und Wannenbad

Mein Vater, Konrad Mattes, hatte als Soldat im Ersten Weltkrieg einen Herzinfarkt erlitten und seine Stellung als Versicherungskaufmann verloren. Er wurde dann von der Stadt Tübingen eingestellt und arbeitete an der Kasse im Uhlandbad bis Ende der 30er Jahre. Mit über 50 Jahren wurde er zu Kriegsbeginn 1939 abermals eingezogen und musste die Tübinger Lazarette einrichten, u.a. im Wildermuth-Gymnasium.

Wir wohnten in der Seelhausgasse. Meine Mutter ging regelmäßig ins Wannenbad im Uhlandbad und nahm mich schon als ganz kleines Mädchen mit. Das waren schöne Bäder und ich hab immer eine kleine Palmoliv-Seife gekriegt. Später ging ich aber lieber mit meinen Brüdern in die Schwimmhalle. Schwimmen gelernt habe ich auf die drastische Art: Mein großer Bruder, der 10 Jahre älter war und auf mich aufpassen sollte, hat mich irgendwann einfach ins Tiefe geworfen und ich bin rausgepaddelt: „Die Kleine kann das, auf die muss man nicht mehr aufpassen“, behauptete er. Ich konnte es aber wirklich schnell und hab keine Schwimmstunden gebraucht. Der Bademeister Beerschwinger wollte mich immer an die „Angel“ nehmen - da hängte man die die Nichtschwimmer in einem Ring und zog sie zum Üben durchs Becken. Aber das wollte ich auf keinen Fall! „... sonst nimmt der Beerschwinger dich an die Angel …“, wurde dann eine Art Drohung bei uns. Ich erinnere mich auch noch an Herrn Maigler, der für Technik zuständig war, und an Herrn Buchhalter, den damaligen Chef des Uhlandbads.

Der Sprung von der Galerie

Für uns Kinder war klar, dass wir in den Schwimmverein gingen. Wir blieben dem Uhlandbad treu, auch als mein Vater nicht mehr dort arbeitete. Wenn wir damals ins Bad kamen, haben wir immer versucht, in die hinteren Umkleidekabinen auf der Galerie zu gehen, dann sind wir mit einem Sprung von der Brüstung ins Wasser. Das hat eigentlich jeder so gemacht. Ich schon mit 5 Jahren, meine Brüdern hinterher. Als das überhand nahm, wurde darauf geachtet, dass Kleinere in die unteren Kabinen gleich neben dem Becken gingen.

Der Bikini

Als junges Mädchen hatte ich mir dann einmal einen Bikini gekauft – der war mein ganzer Stolz, rot-weiß gestreift und sehr schick – und bin damit vom 3-Meter-Brett gesprungen, das es damals noch gab. Dabei ist mir das Oberteil hochgerutscht, es hing mir am Hals und die ganze Bande hat gelacht! Etwas Ähnliches ist dann aber auch einem jungen Mann aus dem Verein passiert: Damals waren die Dreiecksbadehosen für Männer große Mode. Die waren sehr klein und seitlich geknöpft oder geschnürt. Einer verlor seine Hose beim Sprung, was ebenfalls für großes Gelächter sorgte!

1951 wurde das Tübinger Freibad eröffnet, das war eine große Sache! Ich war bei den Schwimmvorführungen dabei und wir Mädchen hatten altmodische rote Badeanzüge und Hauben an, wie sie Anfang des Jahrhunderts üblich gewesen waren. Die haben wir im Wasser ausgezogen und hatten die normalen Badeanzüge drunter.

Schwimmen ist ja leichter als laufen!

Schwimmen gehörte für mich immer dazu. Bis vor drei Jahren bin ich noch regelmäßig zum Aquajogging gegangen. Schwimmen ist ja leichter als laufen, das kann man, selbst wenn man nicht mehr s gut zu Fuß ist. Heute bedaure ich, dass die Umkleiden im Uhlandbad nicht mehr wie früher unten sind – für ältere Leute sind die Treppen beschwerlich.

Folge 6: Der Stifter - Jakob Hoch, Tübinger Bankier in Paris

Der Stifter: Jakob Hoch, Tübinger Bankier in Paris

Als die Stadt Tübingen Anfang des 20. Jahrhunderts ein „ganzjährige Badeanstalt“ plante, waren die Mittel knapp. Nicht zuletzt haben großzügige Stiftungen aus der Tübinger Bürgerschaft den Bau des Uhlandbads möglich gemacht. Rund 70.000 Reichsmark Spenden flossen in den städtischen Badfonds. Einer der Stifter war der Tübinger Bankier Jakob Hoch, der bei seinen regelmäßigen Besuchen aus Paris die hiesige „Badbauaffaire“ interessiert verfolgt hatte. Ingrid Hoch-Carstens hat uns die Geschichte ihres Urgroßonkels erzählt.

Die Hopfenfamilie Hoch

Die Familie meines Urgroßvaters, Ferdinand Hoch, stammte aus Gönningen am Rand der Schwäbischen Alb. Der Ort war für den Samenhandel bekannt: Viele Gönninger verdienten ihren Lebensunterhalt mit dem Handel von Blumen- und Gemüsesamen oder Blumenzwiebeln. Von den vier Brüdern eröffnete einer, Georg, in Reutlingen eine Samen und Tulpenzwiebelhandlung. Ferdinand und Martin Hoch kamen nach Tübingen und wurden Hopfenhändler. Martin Hoch baute das spätere „Amerikahaus“ in der Karlstraße (heute d.a.i.). Gleich gegenüber seiner Hopfenhandlung wurde ja dann das Uhlandbad errichtet. Mein Urgroßvater ließ sich mit seinem Geschäft in der Wilhelmstraße 14 nieder. Er hatte sieben Kinder - und noch wir wuchsen dort quasi „im Hopfen“ auf. Ende des 19. Jahrhunderts gab es viel Hopfenanbau in der Gegend, bei Tübingen etwa dreimal soviel wie Wein. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg ging das stark zurück. 1962 schloss die Hopfenhandlung Hoch.

Ein Tübinger Bankier in Paris

Doch nun zum vierten Bruder: Jakob Hoch ging Ende des 19. Jahrhunderts nach Paris und machte Karriere als Bankier. Doch er blieb seiner Heimatstadt Tübingen sehr verbunden, verfolgte stets interessiert, was dort passierte und kam regelmäßig auf Besuch. Er wohnte aber niemals bei seinen Brüdern, sondern bezog immer eine Suite im Hotel Krone. Mit war das gar nicht bekannt, aber als das Hotel 100-jähriges Bestehen feierte, hat man sich bei uns stellvertretend für den treuen Stammgast früherer Zeiten bedankt: Offenbar hatte Jakob Hoch dem Hotel in schwierigen Zeiten auf die Beine geholfen. Auch die Pläne zu einem „Stadtbad“ hatte er interessiert verfolgt und eine große Summe gestiftet, 8.000 Reichsmark. Die Dankesbriefe der Bürgerlichen Kollegien und die Planzeichnungen von 1912 haben wir noch. Leider hat er selbst den Baubeschluss und die Fertigstellung nicht mehr erlebt: 1911 starb Jakob Hoch und wurde auf dem Tübinger Stadtfriedhof begraben.

Jakob hatte übrigens nie geheiratet. Was wir offiziell nicht wussten: Er lebte in Paris mit einer Frau zusammen und hatte auch mehrere Kinder. Die hatte er alle anerkannt und für eine gute Ausbildung gesorgt. Viele Jahre später stand dann einmal eine feine Dame aus Paris vor unserer Tür, eine Enkelin Jakob Hochs, die unsere Familie ausfindig gemacht hatte und ihre Tübinger Verwandten kennenlernen wollte – das war eine Überraschung!

Erinnerungen ans Wannenbad

Wenn auch mein Urgroßonkel das Uhlandbad nie gesehen hat – wir waren sehr häufig dort. Ich selbst bin als Kind in den 50er-Jahren zweimal die Woche mit meiner Mutter ins Wannenbad gegangen. In dem großen Haus in der Wilhelmstraße gab es zwar ein Badezimmer – für mehrere Wohnungen. Und wir mussten uns wegen der Benutzung immer mit dem Großvater einigen, das war manchmal kompliziert und so nutzten wir das nahe Uhlandbad. Ich erinnere mich, dass es da sehr warm und laut und oft alles voller Dampf war. 1957 wurde dann ein Badezimmer in der Wohnung unserer Familie eingebaut. Doch dem Uhlandbad bin ich treu geblieben: Als Schülerin hatte ich Schwimmunterricht dort, als Studentin bin ich oft ins Uhlandbad gegangen und noch heute schwimme ich dort gern.

Folge 7: Am Samstag ins Wannenbad! Sigrid Gallmeyer erinnert sich

Am Samstag ins Wannenbad! Sigrid Gallmayer erinnert sich

Was man heute gern vergisst: Nicht nur für Sport und Freizeit waren die Hallenbäder früher da, sondern auch für Hygiene und „Volksgesundheit“. So spielte die Körperpflege auch im Uhlandbad lange Zeit eine wichtige Rolle. Den größten Zulauf hatten die Wannen- und Brausebäder Mitte der 50er Jahre, als rund 65.000 Gäste pro Jahr hier in die Wanne stiegen. Von unserer „Zeitzeugin“ Sigrid Gallmayer stammt folgende Zuschrift:

Nach der Kehrwoche zogen wir los

Meine Eltern zogen 1952 von einem kleinen Dorf an der Eyach in die Stadt, nach Tübingen. Ich war fünf, meine Schwester Karin beinahe neun Jahre alt. In unserer großen 5-Zimmer-Wohnung an der Steinlach gab es herrlich hohe Räume und einen wunderbar langen Flur zum Rollschuhlaufen. Aber noch kein Bad, keine Dusche. Deshalb wurde am Samstag, nachdem die Holztreppe gespänt und die Kehrwoche erledigt war, frische Unterwäsche für die ganze Familie zusammengepackt und wir marschierten ins nahegelegene Uhlandbad zum Wannenbad.

Im ersten Stock wurde man von einer weißgekleideten Frau mit langer, weißer, Gummischürze empfangen. Meist hielt sie noch irgendwelche Putzlappen oder Bürsten in der Hand, weil sie das  eben  frei gewordene Badezimmer gewischt und die Wanne geschrubbt hatte.

Die Badefrau ließ das Wasser an der Wanne einlaufen, goss etwas Fichtennadelschaum dazu und ermahnte uns, die Zeit einzuhalten. Eine halbe Stunde? Ich weiß es nicht mehr. Karin und ich wurden von unserer Mutter abgeschrubbt, die Haare gewaschen, dann raus aus der Wanne, anziehen, raus aus dem Baderaum,  Haare föhnen. Anschließend badete Mutter, dann Vater. Ob das Wasser frisch eingelassen wurde? Auch das weiß ich nicht! Derweil drückten wir Kinder uns dann einen Stock tiefer die Nasen an der Glastür platt und beobachteten die Schwimmer im Uhlandbad.

Zu zweit zwischen Schaumbergen

Als ich dann zur Schule kam, durfte ich samstags mit meiner Schwester allein ins Wannenbad. Das war herrlich, aber auch immer mit etwas Angst verbunden. Die äußerst streng blickende  Hüterin über die Wannen ermahnte uns nämlich gleich beim Öffnen der Tür, die Badezimmertür von innen auf keinen Fall abzuschließen. Was wir natürlich nicht befolgten, denn es hätte ja womöglich jemand hereinkommen können und wir waren im Wasser!

Wir lagen bis über den Hals in den riesigen Wannen, wir bliesen uns den Schaum zu, Schaumberge über uns, Schaumberge auf dem Boden. Wir tauchten unter, wir tunkten uns gegenseitig unters Wasser, wir kreischten vor Spaß, wir schrien vor Freude, wir ließen Wasser nachlaufen, immer wieder, wir kümmerten uns nicht um die Zeit. Es hing eine große, runde Uhr über der Wanne. Wir hörten auch nicht auf das Klopfen an der Tür und nicht auf  die immer wiederkehrenden Ermahnungen der Badefrau. Doch irgendwann wurde uns auch in der großen Wanne mit dem vielen Wasser kalt, wir hatten genug gebadet, genug getaucht, genug getobt, genug ausprobiert, wir stiegen aus, rutschten auf dem übernassen Boden fast aus, zogen uns rasch an und lauschten innen an der Tür, ob die Aufpasserin hoffentlich nicht auf dem Gang war. Dann flitzten wir schnell die Treppen hinunter.

Dieses wunderschöne Samstagsritual endete leider, als bei uns zu Hause ein Bad eingebaut wurde. Die Badefrauen waren sicherlich dankbar für unseren Badeinbau!

Folge 8: Was machen Feuerwehrtaucher im Uhlandbad? Bernd Gugel erzählt

Was machen Feuerwehrtaucher im Uhlandbad? Bernd Gugel erzählt

„Des isch seit zwanzig Joahr mei Platz“, meinte ein älterer Feuerwehrtaucher als ich, jugendlich und unwissend, Anfang der 80er Jahre „seinen Stammplatz“ im Sammelumkleideraum des Uhlandbades belegen wollte. Mittlerweile bin ich der dienstälteste, aktive Tübinger Feuerwehrtaucher und klopfe diesen Spruch zum Scherz.

Es ist rund 50 Jahre her, dass mich meine Mutter zum ersten Mal mit ins Uhlandbad genommen hat. Das „alte Uhlandbad“ mit dem Gewölbe und der muskulösen Steinskulptur am Ende des Beckens, die heute vor dem Hallenbad Nord steht. Im Uhlandbad hab ich als Kind schwimmen gelernt. Schwimmen? Eigentlich eher „über Wasser halten und nicht versaufen“. Einmal musste mich der Bademeister aus dem Tiefen retten, in das ich in einem plötzlichen Anfall von Mut hineingesprungen bin. Den Schrecken werde ich nie vergessen! Später war ich zum Schulschwimmen im Uhlandbad: „Leibesübungen befriedigend“ war zeitlebens meine Schulnote.

Doch dann hat’s mich gepackt!

Als freiwilliger Feuerwehrmann wollte ich 1983 auch Feuerwehrtaucher werden. Dazu braucht man das DLRG-Rettungsschwimmabzeichen in Silber. Eine absolute Herausforderung für mich, denn ich musste erst mal brauchbar schwimmen lernen, was im Uhlandbad mit viel Mühe und Ehrgeiz gelang.

Als Hobbyläufer wurde ich dann vom „Triathlonfieber“ erfasst. Dazu musste ich schneller und ausdauernder kraulen lernen, den in einem See kann man sich nicht einfach festhalten, wenn’s zu anstrengend wird. Ich übte viel im Uhlandbad, wo man zudem von der Empore aus hervorragend den Schwimmstil der anderen studieren kann. 1986 habe ich dann die 1,3 km lange Strecke im K-Furter Baggersee bei meinem ersten Triathlon gemeistert. Seitdem bin ich süchtig nach Ausdauerwettkämpfen jeglicher Art. Aber zeitlebens habe ich den Respekt vor den Gefahren des Wassers nie verloren. Im Gegenteil. Als Feuerwehrtaucher habe ich in über 30 Jahren mehrmals bedrohliche Erlebnisse durchgestanden.

Was die Feuerwehrtaucher im Uhlandbad üben

Die Tübinger Feuerwehr trainiert seit Jahrzehnten alle zwei Wochen im Uhlandbad. Die Wasserrettungsgruppe (Tauchergruppe) wurde 1970 gegründet. Viele Jahre war ich Ausbildungsleiter dort, denn ich hatte die staatliche Prüfung zum Feuerwehrlehrtaucher an der Landesfeuerwehrschule abgelegt. Zum Übungsprogramm gehören Schwimmen, Rettungsschwimmen ohne und mit Flossen in verschiedenen Stilarten, Tauchen mit speziellen Tauchgeräten und Vollgesichtsmaske und natürlich auch Apnoetauchen, also Freitauchen ohne Gerät.

Das Wasser im Uhlandbad ist klar - die Seen der Region und der Neckar aber trüb und dunkel. Der Feuerwehrtaucher im Einsatz verlässt sich deshalb auf seinen Tastsinn. Gesteuert wird er über die Zugzeichen, die der Signalmann am Ufer oder auf einem Boot mit der Rettungsleine gibt, oder über eine Unterwassersprechanlage. Um in Dunkelheit und Tiefe zurechtzukommen, müssen die Taucher  immer wieder im Schwimmbecken knifflige Situationen üben.

Was tun, wenn Wasser in die Gesichtsmaske eindringt? Wie zieht man das Tauchgerät und Maske unter Wasser an? Wir tauchen zum Beispiel nach dem Gerät am Boden des Beckens, ziehen die Maske über und blasen das Wasser mit der eigenen Lungenluft heraus, dann erst kann die Luft aus den Pressluftflaschen geatmet werden. Oder mehrere Taucher atmen abwechselnd aus einer Vollgesichtsmaske auf dem Grund des Beckens, also:  Luft anhalten, bis man die Atemeinrichtung bekommt und nach dem Ausblasen der Maske wieder atmen kann. Das sind überlebensnotwendige Mechanismen die immer wieder geübt werden müssen, damit man im Notfall routiniert handelt und keine Panik aufkommt.

Mir ist es einmal passiert, dass sich in 20m Tiefe die Atemmaske gelockert hat und mir ganz plötzlich vom Kopf gerutscht ist. Ich konnte nur mit Mühe die panische Atemnot unterdrücken, die Maske wieder aufsetzen, ausblasen und weiteratmen. Das viele Üben hat geholfen und ich habe in den Tauchunfall unbeschadet gemeistert.

Wie spielt man Unterwasser-Rugby?

Beliebt sind bei uns Feuerwehrtauchern auch Spiele wie Unterwasser-Rugby, ein ungemein anstrengendes und atemraubendes Spiel, das wir manchmal zum Abschluss des Trainings spielen. Als Tore dienen die Zwischenräume der untersten Sprossen der Einstiegsleitern im tiefen Teil des Schwimmbeckens. Der Ball ist mit Salzwasser gefüllt, das schwerer als das Beckenwasser ist. Es gelten nur zwei Regeln: Der Ball darf nicht über Wasser gespielt werden und niemand darf ernsthaft zu Schaden kommen. Nach spätestens 10-15 Minuten sind alle am Ende ihrer Kräfte! Unter der Dusche werden dann gegenseitig die blauen Flecken begutachtet und die „Heldentaten“ kommentiert.

Ein jährliches Kultereignis im Uhlandbad ist unsere „Weihnachtsfeier unter Wasser“. Es gibt Getränke sowie Sporttauchgeräte in der Tiefe des Beckens. Man muss sich geschickt anstellen, um 3,50m unter Wasser Tiefe aus den Flaschen zu trinken! Gegessen wird dann aber im Anschluss in einer Tübinger Gaststätte, denn Essen unter Wasser schmeckt definitiv nicht!

Vom „Neckarabschwimmen“ im Winter

Beim „Neckarabschwimmen“ am 6. Januar jedes Jahres  wird vom Campingplatz bis zur Eberhardsbrücke in dicken  Taucheranzügen geschwommen. Früher war das eine kleine Veranstaltung der Feuerwehrtaucher und der DLRG. Zum 150-jährigen Jubiläum der Freiwilligen Feuerwehr Tübingen 1997 habe ich es als Leiter der Tauchergruppe erstmals erweitert und Gäste aus den tauchenden Feuerwehren Baden-Württembergs eingeladen. Wo sollten so viele Schwimmerinnen und Schwimmer sich umziehen, aufwärmen und duschen? Natürlich im Uhlandbad, ganz in der Nähe des Neckars! Seitdem ist das Neckarabschwimmen, bei dem inzwischen über 100 Feuerwehrleute und Gäste teilnehmen, ohne das Uhlandbad nicht mehr zu machen.

Und heute? Komme ich auch zum Arbeiten ins Uhlandbad. Nach vielen Jahren im Druck- und Reprogewerbe  habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht. Im Sommer bin ich im Freibad, im Winter in den Tübinger Hallenbädern eingesetzt. An meinem ersten Uhlandbad-Arbeitstag war ich ziemlich sentimental: Was habe ich hier alles in rund 50 Jahren erlebt!

Die Stärke unseres Uhlandbads ist vor allem die zentrale Lage mitten in der Stadt. Man kann das Schwimmen mit Erledigungen in der Innenstadt verbinden, hinterher ins Café einkehren …  Als Mitglied des Gemeinderates habe ich mich immer für die Zukunft unseres nun 100 Jahre alten Bades eingesetzt und werde das weiter tun. Auch an den Namensgeber möchte ich erinnern: den Dichter und Politiker Ludwig Uhland, den großen Sohn Tübingens, der selbst gern im Neckar schwamm. Ein Hallenbad gab es im 19. Jahrhundert ja noch nicht in Tübingen.

Folge 9: Blick ins Archiv: Der Oberregierungsrat in der Badewanne (1927)

Blick ins Archiv: Der Oberregierungsrat in der Badewanne (1927)

Die Weltkriegs- und Inflationsjahre 1914 bis 1924 brachten Not und Mangel mit sich. Da Kohle knapp war, musste das Tübinger Gaswerk seine Lieferungen einschränken. Trotzdem gelang es, die Warmwasserversorgung des Uhlandbads einigermaßen aufrechtzuerhalten: Man sei, „ohne Einschränkung“ über die Zeit der Kohlennot hinweggekommen und habe „der Bevölkerung ermöglicht, zu gleichen Badepreisen wie im Frieden in den Zeiten der Seifenknappheit etc. der recht nötigen Körperpflege nachzukommen“, schrieb Werksleiter Otto Henig später. 

Die goldenen Zwanziger

Mitte der Zwanzigerjahre ging es wieder bergauf, auch mit den Besucherzahlen im Uhlandbad. Man hatte die Wannenbäder um 10 Wannen erweitert; das ständig überfüllte Dampfbad passte seine Öffnungszeiten an. Auch für die Gäste der Tübinger Hotels, wie „Hoffmanns Hotel zum goldenen Ochsen“ gleich gegenüber (heute Mode-Zinser), war das Uhlandbad interessant und wurde in Prospekten eifrig beworben. 1926 überschritt die Gesamtbesucherzahl die 100.000. Vor allem was die Körperpflege anging, war der Bedarf groß: Mit fast 40.000 Wannen- und über 4.000 Brausebädern hatte sich dieses Segment seit Eröffnungsjahr fast verdreifacht. 1928 - Tübingen hatte rund 22.000 Einwohner und 3500 Studenten - zählte man 88.000 Schwimmer, 50.000 Wannen- und 7.000 Brausebäder. 1929 war das Rekordjahr fürs Hundebad, das von 178 Vierbeinern benutzt wurde. Die Besucher aus der Nachbarstadt fielen übrigens fortan weg, denn im November 1929 hatte auch Reutlingen ein Hallenbad bekommen.

Hin und wieder gab es technische Probleme mit der Warmwasserzufuhr oder der Wasserqualität. Das Gesundheitsamt schrieb Entkalken und Chlorieren des Badewassers vor. Eine moderne Umwälz- oder Filteranlage gab es damals ja noch nicht. 1928 ging zur Verstärkung eine zweite Fernwärmeleitung vom Elektrizitätswerk beim Neckarstauwehr her in Betrieb.

„Ein Badegast wie jeder andere auch“

Der über viele Jahrzehnte bei den Stadtwerken gesammelte Schriftverkehr gibt einen lebendigen Einblick ins tägliche Geschehen. 1926 zum Beispiel bekam die Badangestellte Anna E. gewaltigen Ärger mit einem Reutlinger Oberregierungsrat, der im Wannenbad 1. Klasse die Badezeit überschritten hatte.

Mit „hartnäckigem Klopfen“ hatte sie ihn aufgefordert, sein Bad zu beenden. Der Herr aber beharrte darauf, eine Dreiviertelstunde in der Wanne zu bleiben und weigerte sich, die festgesetzte Badezeit anzuerkennen. „Dazu sagte er, ich sei ein unartiges Fräulein und ich sagte und Sie ein unartiger Herr. Auf dieses hin schrie er mich an und kam mit geballter Faust auf mich zu und sagte, ob ich nicht wisse, wer er sei, dann sagte ich, für mich sind Sie ein Badegast wie jeder andere auch“, nahm Bademeister Buchhalter am 28. August zu Protokoll. Die Verweigerung einer Sonderbehandlung brachte den Regierungsrat derart in Rage, dass er sich in einem viele Seiten langen Brief beim Bürgermeister höchstpersönlich beschwerte. Der tüchtigen, wenn auch als sehr mürrisch bekannten Angestellten, wurde – obwohl sie offenbar schon öfters vom Stadtpfleger sowie vom Bademeister gerügt worden war - ein gutes Zeugnis ausgestellt. Sie ließ sich vier Wochen wegen nervöser Erschöpfung krankschreiben.

Flyer Öffnungszeiten und Bäderpreise 1925

Folge 10: Blick ins Archiv: Die Fräuleins sammeln Unterschriften (NS-Zeit)

Blick ins Archiv: Die Fräulein sammeln Unterschriften (NS-Zeit)

Dokumente aus der NS-Zeit zum Uhlandbad sind im sonst so ergiebigen Stadtwerke-Archiv kaum erhalten. Fest steht, dass sich die nationalsozialistische Kommunalpolitik unter Oberbürgermeister Adolf Scheef, der Tübingen mit SA-Motorsportschule, Reichsbräute- und Reichssanitätsschule zur „Parteistadt“ ausbaute, schnell auf die städtischen Bäder auswirkte: Neben den Schulen, den Turn- und Schwimmvereinen beanspruchten nun auch Wehrmacht, SA- und SS-Stürme, SA-Sanitätsschule und Hitler-Jugend, BdM, Arbeitsdienst und Motorsportschule Schwimmstunden im Uhlandbad.

Nationalsozialistische Badeordnung

Sehr früh, schon im Mai 1933 nahm der Gemeinderat den Antrag der Tübinger NSDAP mehrheitlich an, „Juden und Fremdrassigen“ den Zutritt zum städtischen Freibad im Neckar zu verwehren. Vielen ging dies zu weit. Trotz Protesten von Universität und Geschäftsleuten, sogar vom Außenministerium in Berlin ließ sich der Gemeinderat nicht umstimmen. Es blieb dabei: Das Tübinger Freibad war nur noch „Ariern“ zugänglich. Alle anderen verwies man auf das Uhlandbad, zu dem sie weiterhin Zutritt hatten.

Die nationalsozialistische Badeordnung sah außerdem vor, dass keine Trennung der Geschlechter mehr vorgenommen werden sollte: Zum ersten Mal durften Frauen und Männer offiziell gemeinsam schwimmen ‒ im Uhlandbad immerhin für zwei Stunden am Donnerstag im „Familienbad“. Auch um die „guten Sitten“ sorgte sich der Gemeinderat: In den wilden Zwanzigern war die Bademode enger, bunter und freizügiger geworden. Dem gebot ab 1932 der so genannte „Zwickelerlass“ des preußischen Innenministeriums Einhalt, der nicht nur das Nacktbaden verbot, sondern auch ganz genau regelte, welche Körperteile beim Baden zu verhüllen sind. Als besonders anrüchig galt die beinfreie „Dreiecksbadehose“ bei Männern. Diese wurde 1933 auch in Tübingen verboten - nur noch „Badehosen mit Beinansatz“ waren erlaubt!

Die Fräulein sammeln Unterschriften

Ein interessanter Briefwechsel ist im Stadtarchiv erhalten: Im Dezember 1937 wurde der Belegungsplan wieder einmal geändert und die Schwimmstunde, die bislang für berufstätige Frauen reserviert war, dem Jungvolk der Hitlerjugend zugeteilt. Das ließen sich die Frauen nicht gefallen. Kurzerhand organisierten sie eine Unterschriftenaktion und verfassten „im Namen vieler berufstätiger Frauen und Mädchen von Tübingen“ einen Beschwerdebrief an den Bürgermeister.

Die Behauptung, die Schwimmstunde am Freitagabend für die Berufstätigen lohne sich nicht, „da dieselbe immer nur von 4-5 Fräulein besucht werde“ weisen diese „ganz energisch als unwahr“ zurück. „Sie werden verstehen, sehr geehrter Herr Bürgermeister, dass es hauptsächlich für die berufstätige Frau außerordentlich wichtig ist, sich sportlich zu betätigen“, schreibt die Bankangestellte Lydia Werz stellvertretend für 30 Damen aus Verlagen, Buchhandlungen, Bäckereien, Zigarren- und Schokoladengeschäften, Kliniken und Handwerksbetrieben.

Die Antwort von Bürgermeister Weinmann fiel negativ aus: „Ich habe mich davon überzeugt, dass die Hitlerjugend diese Badestunde dringend braucht und habe festgestellt, dass im letzten Baden 71 Jungen anwesend waren.“ Den Damen wurde immerhin angeboten, am Montagabend gemeinsam mit dem BdM zu baden. Ein Jahr später ist den Belegungsplänen zu entnehmen, dass die berufstätigen „Fräulein“ ihren Freitagabend zurückbekommen hatten. Das Engagement hat sich doch gelohnt.

 „Schikanöses Abstellen der Brausen“

Auch andere Vorfälle geben Einblick in diese Zeit: 1937 beschwerte sich die Gemeinschaft Kraft durch Freude beim Stadtpfleger über „schikanöses Abstellen der Brausen“ durch den Bademeister Maigler ‒ nach einer halben Stunde! Er habe es „im Interesse einer wirtschaftlichen Wasserverwendung und da er davon ausginge, dass der Zweck des Badens vor allem das Schwimmen sei, es für seine Pflicht erachtet, die Brausen auf etwa 10 Minuten abzustellen“, äußerte sich der. „Im Übrigen hoffe ich, dass weiterhin die Schwimmkurse im guten Einvernehmen sich abwickeln ... Heil Hitler!“

Das Uhlandbad ist zu klein!

Vor allem die Soldaten hatten Vorrang im Uhlandbad. Im Mai 1939 diskutierte der Gemeinderat darüber, dass „die Schwimmhalle allzu häufig von der Wehrmacht benützt werde“ und der Schwimmunterricht der Schulen darunter leide. An die 3.000 Soldaten waren in Tübingen stationiert. Für die 32.000 Einwohner sei das Bad ohnehin zu klein, so das Protokoll, das schon damals die „dringende Notwendigkeit der Erstellung einer 2. Schwimmhalle“ festhielt.

Folge 11: "Piscine militaire" – Elisabeth Buchhalter über die Nachkriegszeit

„Piscine militaire“: Elisabeth Buchhalter erzählt vom schwierigen Neuanfang in der Nachkriegszeit

Eines der spannendsten  Kapitel in der 100-jährigen Geschichte des Uhlandbads ist die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Stadtwerke-Archiv sind  viele Dokumente und Briefwechsel aus dieser Zeit erhalten und auch Elisabeth Buchhalter, Tochter des ersten Bademeisters, die bis 1947 in der Dienstwohnung im Uhlandbad wohnte, erinnert sich lebhaft daran.

Im Zweiten Weltkrieg konnte das Uhlandbad nur eingeschränkt genutzt werden und musste 1944 nach Bombenschäden an der Fernwarmwasserleitung in der Reutlinger Straße ganz schließen. Dann begann die Besatzungszeit und das Bad wurde vom französischen Militär beschlagnahmt. Gleich im Mai 1945 musste die Stadt 1.000 Reichsmark Strafe an die Militärregierung zahlen, da nicht richtig geheizt werden konnte, „à titre d’amende pour le mauvais fonctionnement“ , so steht es auf der Quittung.

Die Feuerwehr hilft

„Die Franzosen forderten, das Bad rasch zu öffnen“, erzählt Frau Buchhalter. „Mein Vater sagte: Keine Kohlen – kein Baden. So wurden Kohlen beschafft und die Kessel im Keller, die das Wannenbad beheizten, angeworfen. Doch genug Wasser gab es auch nicht! Da holte man kurzerhand die Feuerwehr, die Wasser vom Neckar raufgepumpt hat, bis die Fernleitung einigermaßen saniert war.“

1946 konnte der Betrieb langsam wieder aufgenommen werden,  zunächst nur die Wannen- und Brausebäder. Allerdings nicht für die inzwischen knapp 36.000 Bewohner der überfüllten Stadt, sondern nur für die Angehörigen der Besatzungsmacht. Das Uhlandbad war zuallererst „Piscine militaire“. An eine Öffnung der Schwimmhalle war noch nicht zu denken.

„Sie sind verhaftet!“

Elisabeth Buchhalter erinnert sich: „An Pfingsten gab es große Aufregung: Das Bad war an den Feiertagen geschlossen - da kamen die Franzosen und machten Ärger, weil das Wasser nicht geheizt war. Mein Vater wurde abgeführt. „Prisonnier“ war alles, was wir verstanden haben! Der Grund war: Der Pfingstmontag ist in Frankreich kein Feiertag, da wurde Normalbetrieb erwartet. Die Stadt musste dann Strafe zahlen. Ab da ist mein Vater nie mehr ohne Dolmetscherin zu den Franzosen gegangen. Er war vorsichtig geworden. Wir haben hin und wieder auch die Badewannen im Wannenbad benutzt als das Bad noch für die Öffentlichkeit geschlossen war, und zwar mit offizieller, schriftlicher Erlaubnis der Militärregierung.“ Die „Autorisation“, die der Sportoffizier des 12. Kürassierregiments 1946 ausgestellt hatte, ist erhalten.

Die Tübinger dürfen wieder ins Bad

1947 öffnete das Wannenbad II. Klasse an zwei Tagen in der Woche für die Öffentlichkeit. Dass die Militärregierung auch für Schwimmverein und Schulen Zeiten freigegeben hatte, nützte wenig, da kein Heizmaterial aufzutreiben war und die Hygiene Probleme machte – noch gab es ja keine Filteranlage. Maschinenmeister Rampf schrieb im März 1947: „Jetzt, nachdem die Lufttemperatur in der Schwimmhalle wenigstens 15-17° C ist, war es mir möglich, das Schwimmen der Jugendverbände anlaufen zu lassen. Für die Schulen, samstags von 8-11 Uhr, ist es unter den heutigen Umständen aussichtslos. Grund: (…) dass ich das Schwimmbecken nur einmal und das ist montags jeder Woche neu auffüllen kann. Das Schwimmbad wird aber die ganze Woche so stark in Anspruch genommen, dass es am Samstag für ein Schülerbad nicht mehr in Betracht kommen kann.“

„Widerwärtig schmutzig“

Kein Wunder, dass im Juni das Gesundheitsamt einen zu hohen Keimgehalt im Beckenwasser feststellte und es als „gesundheitsgefährlich“ einstufte. Das Kaporit, das zur Desinfektion zugesetzt werden sollte, war im Handel nicht erhältlich, die Zuteilung musste bei der Besatzungsmacht beantragt werden. Trotzdem blieb der Zustand laut Stadtpflege „höchst unbefriedigend, da das Wasser widerwärtig schmutzig“ war. Die Anschaffung einer Filteranlage war dringend notwendig.

Das warme Wasser, das per Fernleitung vom maroden Gaswerk kam, reichte nicht mehr aus. Teils kam zu wenig, teils kam es zu kalt im Bad an. Schon vor dem Krieg musste zusätzlich „beigedampft“ werden; jetzt konnten die noch funktionstüchtigen Öfen mit 60 m³ nicht einmal die Hälfte der notwendigen Wassermenge erwärmen. Die Fernleitung war an manchen Stellen undicht geworden und auch wegen der geringen Durchflussmenge ging viel Wärme verloren. Zudem zeichnete sich die Stilllegung des Gaswerks ab – und damit das Ende der billigen Warmwasserquelle.

Man plante eine Kesselanlage im Uhlandbad selbst - doch die Industrie konnte nicht liefern. So dienten vorübergehend Dampfkessel im Gaswerk zur Wassererwärmung. Doch mit was sollte man heizen? Viele Briefe an die verschiedensten Verwaltungsstellen sind erhalten, die dringend um Kokszuteilung „im Interesse der Volksgesundheit“ bitten. Immer wieder standen die Badegäste vor verschlossenen Türen.

Der Neustart

1949 ging es aufwärts: Im April erteilte das Gouvernement Militaire Régional die Zustimmung, den im stillgelegten Gaswerk noch lagernden Koks für das Uhlandbad zu verwenden. In seinem Tätigkeitsbericht schreibt der Stadtpfleger: „Trotz ständiger Bauarbeiten im Bad war es möglich, den Badebetrieb (…) aufrecht zu erhalten. Die angestrebte Freigabe weiterer Badezeiten durch die Besatzungsmacht ist ab 1. März 1949 erreicht worden. Die Wannen- und Brausebäder stehen nun wieder die ganze Woche über der deutschen Bevölkerung zur Verfügung. Das Schwimmbad ist noch an 3 Vormittagen für franz. Truppen und an 4 Nachmittagsstunden für franz. Schulen beschlagnahmt.“

Die medizinischen Bäder öffneten wieder, und an vier Abenden durften die Vereine im Bad trainieren. Im Dezember 1949 konnte endlich die Wasserreinigungsanlage in Betrieb gehen, die fortan dreimal täglich das Beckenwasser umwälzte und filterte, gleichzeitig wurde es in einer modernen Choranlage keimfrei gemacht. Auch die Einrichtung wurde erneuert. Im Juni 1950 waren die neuen Warmwasser- und Heizungsanlagen im Untergeschoss einsatzbereit, wenig später stand auch das Dampfbad wieder zur Verfügung. Das Hundebad allerdings wurde aufgegeben.

Mit der Umstellung der Technik war die Arbeit des Heizers umfangreicher geworden und machte eine zweite Kraft notwendig. Der Heizer Eugen Hipp zog mit seiner 5-köpfigen Familie in eine der Dienstwohnungen ein.

Noch 1951 wurde die Schwimmhalle an drei Wochentagen ausschließlich von französischen Stationierungskräften benutzt; erst 1956 wurde die Beschlagnahme aufgehoben.

Folge 12: Die strengen Schwimmlehrer der 60er Jahre

Die strengen Schwimmlehrer der 1960er Jahre

Schulklassen gehören bis heute zu den wichtigsten Nutzern des Uhlandbads. Wie unsere Zeitzeugenaktion ergab, erinnert sich so mancher  Tübinger nicht ganz so gern an den Schwimmunterricht und die strengen Sportlehrerin früheren Zeiten…

Schwimmunterricht im Uhlandbad

Reinhard Herrgott hat uns diesen Bericht geschickt: „In der Zeit von 1957 bis 1961 war ich Schüler am Uhlandgymnasium. Im Fach „Leibesübungen“ hatten wir von Zeit zu Zeit Schwimmunterricht im Uhlandbad. Für mich als Zehnjähriger war das Bad damals eine kalte und furchteinflößende Halle. Unser damaliger Lehrer, Herr Nassal, versuchte mir dort das Schwimmen beizubringen.  Hierzu bediente er sich einer Methode, die offensichtlich der damaligen Auffassung von Sportpädagogik entsprach: Wir Nichtschwimmer mussten uns am Beckenrand aufstellen um den Schwimmern zuzuschauen. Dann, plötzlich und unerwartet, stieß er mich von hinten ins Wasser.

Das Eintauchen habe ich in schrecklicher Erinnerung: Kälte, dröhnende und glucksende Geräusche um mich herum, verschwommene bläuliche Sicht, Chlorgeschmack und keine Luft zum atmen. Nach einer mir endlos lang vorkommenden Zeit tauchte ich prustend und um mich schlagend mit brennenden Augen wieder auf und hatte ordentlich Wasser geschluckt.  Herr Nassal hatte es nicht sehr eilig, mir die lange Stange mit Metallring hinzuhalten. Schließlich gelangte ich an den rettenden Beckenrand. Schwimmen habe während dieser Jahre jedenfalls nicht gelernt. Heutzutage genieße ich jedoch in den frühen Morgenstunden das Schwimmen an Warmbadetagen im Uhlandbad.“

Die Angst vorm Wasser und der verlorene Schlüssel

Joachim Maigler, dessen Großvater einst Schwimmmeister im Uhlandbad war, erinnert sich nicht gern an seinen Schwimmunterricht in den 70er Jahren:

„Ich war ein sehr ängstliches Kind und hatte fürchterliche Angst vorm Wasser, vorm Untergehen und Ertrinken. Ich mir daher sehr schwer damit, schwimmen zu lernen. Der Schwimmunterricht war jedes Mal der reinste Horror. Die Lehrer zeigten zwar Verständnis, konnten aber bei den großen Klassen nicht besonders darauf eingehen, obwohl sie sich größte Mühe gaben. Ich habe mich meist an den Beckenrand geklammert und vor Kälte und Angst am ganzen Körper geschlottert. Diese Anspannung machte alles noch schlimmer. Einen Sprung ins Wasser habe ich jedes Mal erfolgreich vermeiden können, indem ich zugab, nicht ausreichend schwimmen zu können – sehr demütigend! Trotzdem bekam ich im Zeugnis schließlich eine 3 – bestimmt aus Mitleid.

Und es kam, wie es kommen musste: Eines Tages verlor ich den Halt am Beckenrand und fiel ins Tiefe. Ich strampelte herum und versuchte verzweifelt, den rettenden Beckenrand zu fassen zu bekommen. Ich habe Unmengen Wasser geschluckt (gefühlt waren es sicher 5 Liter!), aber immerhin schaffte ich es, immer wieder an die Oberfläche zu kommen. Dabei habe ich fast noch einen Mitschüler versenkt … Aber es ging alles glatt. Ich bekam endlich den Beckenrand zu fassen. Meine Schwimmlehrerin sah damals keinen Anlass, mir zu Hilfe zu kommen, was ich ihr sehr verübelte, denn meine Angst zu ertrinken war wirklich immens und vor allem real!

Ich ließ mir immer Tricks einfallen, um Zeit zu schinden und nicht ins Wasser zu müssen, bis die Lehrerin die Beherrschung verlor und mich kräftig anschnauzte. Anders war es mit Schwimmflossen an den Füßen: Damit habe ich mich viel sicherer gefühlt – doch die waren im Schwimmunterricht eigentlich unerwünscht. Trotzdem haben ein paar Freunde und ich mit Flossen und Taucherbrillen unseren eigenen kleinen „Tauchclub“ gegründet - während des Schwimmunterrichts der Realschule. Dem Lehrer war es letztendlich egal, was wir im Wasser trieben. Richtig schwimmen gelernt habe ich erst mit 16 Jahren im Mittelmeer. Und noch heute liebe ich das Schnorcheln im Meer oder Bodensee.

Als Kind habe ich einmal meinen Hausschlüssel im Uhlandbad verloren. Mein Schlüsselmäppchen war derart schmal, dass es in einen Wasserablaufschacht im Boden gefallen ist und nicht mehr herauszuholen war. Mein Vater war – wie sein Vater, der Bademeisters Karl Maigler, sehr streng. Voller Angst klingelte ich an der Haustür und erwartete ein „Donnerwetter“, das auch entsprechend heftig ausfiel. Ich war noch Tage danach richtig bedient. Allerdings hatte ich mich auch nicht getraut, im Uhlandbad um Hilfe zu bitten - die Leute dort hätten mir ja eventuell weitergeholfen.“

Folge 13: Blick ins Archiv: "Unnötige Reden verboten" – Aus der Stellenbeschreibung 1914

Blick ins Archiv: „Unnötige Reden verboten!“ – Aus der Stellenbeschreibung 1914

Das Uhlandbad brachte nicht nur neue Freizeit- und  Hygienemöglichkeiten für die Tübinger mit sich, sondern auch neue Berufe und Tätigkeiten. Was gab es dort alles zu tun? Wie wurde die Arbeit in einer städtischen Badeanstalt vor 100 Jahren organisiert?

Im Mai 1914 stellte die Stadt acht feste Mitarbeiter fürs fast fertige Uhlandbad ein. Der Tübinger Chronik vom 25. Mai war das eine ausführliche Meldung wert: „Bademeister wurde Karl Buchhalter, Maschinenmeister von hier, dessen Frau als Weißzeugverwalterin bestellt wurde, Badewärter Schutzmann Schnaith von hier und ein gewisser Beerschwinger von Esslingen, dessen Frau Masseuse wird, Badefrau Frau Schnitzler und Kassiererin Frl. Rilling von hier.“ Außerdem wurden „verschiedene unständige Waschfrauen“ für die Wäscherei im Untergeschoss benötigt. Die Leitung des Bads sollten sich der Chef des Hochbauamts und der Betriebsleiter der städtischen Werke, Otto Henig, teilen.

Die vom Gemeinderat verabschiedete Stellenbeschreibung legt die Aufgaben genau fest und gibt Einblick in den Arbeitsalltag von einst:

Der Badmeister

Er ist „die Seele des Betriebs, für den er verantwortlich ist“ und zuständig für die „Überwachung der Gebäulichkeiten, der gesamten maschinellen Einrichtungen und Beleuchtungsanlagen, Rohrleitungen“ etc. Dafür muss er vor allem technische Kenntnisse mitbringen und Reparaturen selbst ausführen können. Auch die Verwaltung obliegt ihm, dazu gehören „tägliche Aufschriebe aller in der Badeanstalt sich abspielenden Vorgänge als: Verbrauch von Materialien, Wärme, electr. Energie, Löhne, Besuch, Einnahmen…“. Er hat monatlich ausführlichen Bericht zu erstatten und für größtmögliche Wirtschaftlichkeit der Anlage zu sorgen. Er beaufsichtigt die Angestellten und soll „über eine gewisse Autorität“ verfügen. Die Befähigung zum Schwimmlehrer könne er sich später noch aneignen, heißt es in der Stellenbeschreibung, die auch auf Kundenfreundlichkeit Wert legt: „Der Bademeister hat in engster Führung mit dem Publikum zu stehen & in verständiger Weise auf deren Wünsche & ev. Beschwerden einzugehen.“

Die Weißzeugverwalterin

Wie damals auch in anderen Badeanstalten üblich, legte man in Tübingen Wert darauf, dass die Frauen der Angestellten im Bad mitarbeiten: So soll die Frau des Badmeisters die Wäscherei leiten, die außer der im Bad selbst anfallenden Wäsche auch vom Rathaus, den Schulen und anderen städtischen Einrichtungen beliefert wird. Sie hat außerdem das weibliche Personal und die Reinigung der Wannenbäder zu überwachen und beaufsichtigt das „Frauenbad“. Denn noch badet man im Uhlandbad streng nach Geschlechtern getrennt. Während der Badezeiten für Frauen (übrigens nur etwa die Hälfte der für Männer reservierten Zeit), sind männliche Aufsichtspersonen in der Schwimmhalle nicht gestattet. Auch eine besondere Ermahnung findet sich im Stellenentwurf:

„Die Frau des Badmeisters hat alle Pflichten einer Ordnung & Sauberkeit liebenden Hausfrau zu erfüllen … Dabei hat sie größten Wert auf vollständige Vermeidung aller unnötigen Reden zu legen, ohne aber dabei einen freundlichen & zuvorkommenden Verkehr mit dem Publikum außer Acht zu lassen“

Die Badewärter

Zwei so genannte Badewärter arbeiteten im Uhlandbad. Einer führt die Aufsicht in der Schwimmhalle, erteilt Schwimmunterricht und muss zum Rettungsdienst befähigt sein. Er hat die  Halle und die technischen Anlagen zu reinigen, während des Frauenschwimmens die Wannenbäder. Der zweite, ein ausgebildeter Masseur, betreut und wartet das irisch-römische Bad (Sauna und Dampfbad), massiert die männlichen Besucher und hilft bei Reinigungsarbeiten. Beide haben sich „im Verkehr mit dem Publikum jederzeit eines äußerst höflichen & zuvorkommenden Benehmens zu befleißigen.“

Die Badewärterin

Sie übernimmt während der „für das weibliche Geschlecht bestimmten Badestunden“ Aufsicht und Schwimmunterricht und muss auch in der Lage sein, Rettungsdienst zu leisten. Ansonsten bedient sie die Wannenbäder und hat den ganzen Vorderbau (Wannenbad, Eingangshalle, Dampfbad) zu reinigen.

Der Badediener

Er ist der Assistent des Masseurs, führt Aufsicht in der Schwimmhalle, bedient das Brausebad und das Hundebad im Untergeschoss, überwacht die Heizungsanlage und die Maschinen der Wäscherei.

Die Masseuse

Idealerweise soll es die Frau des Masseurs sein, die das weibliche Publikum im massiert und im irisch-römischen Bad bedient. Sie soll die Badefrau in Schwimmhalle und Wannenbad vertreten und sich an der Reinigung der Wannenbadabteile beteiligen.

Die Waschfrauen

Wie viele Waschfrauen im Wäschereibetrieb im Untergeschoss regelmäßig tätig sind, ist nicht bekannt. Es gibt Räume für Waschkessel, Mangel- und Bügelräume und einen kleinen Lastenaufzug, der die Leintücher, Bademäntel etc. direkt zur Wäscheausgabe in der Eingangshalle befördert. 1915 wird die Wäscherei zur Uniformwäscherei erweitert und ca. 20 Kriegerfrauen finden hier vorübergehend ein Auskommen.

Bei der Beckenreinigung mussten alle ran!

Zwei -bis dreimal in der Woche (!) wurde das Beckenwasser komplett ausgetauscht und das Schwimmbecken gereinigt. An dieser „großen Beckenreinigung“ musste sich das gesamte Personal beteiligen.  Badmeister und Masseur wohnten übrigens gleich vor Ort in den Dienstwohnungen im 2. Stock des Bades. Badmeister Buchhalter konnte sich nicht lang seiner neuen Stellung erfreuen: Eine Woche nach Öffnung des Uhlandbads brach der Erste Weltkrieg aus. Schon Ende August rückte er zum Wehrdienst ein, kurz darauf auch der Badewärter Schnaith.

Quellen:

  • Gemeinderats-Protokoll vom 23. Mai 1914
  • Personal für das Uhlandbad, Entwurf der Stellenbeschreibungen von Otto Henig, 16.5.1914

Folge 14: Von Anfang an dabei: Der Tübinger Schwimmverein (gegr. 1913)

Von Anfang an dabei: Der Tübinger Schwimmverein (gegr. 1913)

Von Anfang an war das Uhlandbad gut besucht. Die Tübinger Vereine gehören bis heute zu den fleißigsten Nutzern, allen voran der Tübinger Schwimmverein TSV. Wir werfen einen Blick in seine Anfangsjahre.

Der Tübinger Schwimmverein war im Vorjahr der Uhlandbad-Eröffnung, am 6. Juli 1913, gegründet worden und trainierte den Sommer über in der städtischen Freibadeanstalt im Neckar oder weiter flussabwärts: Beim „Stromschwimmen“ schwamm man z.B. bis zum Nadelöhr an der Eberhardsbrücke. Um die Mitglieder den Winter über beisammenzuhalten und die Zeit bis zur ersehnten Hallenbadöffnung zu überbrücken, wurden regelmäßig gesellige Abende organisiert.

„Ein hübsches Bild voll elementaren Reizes“

Bei der Einweihung des Uhlandbads am 25. Juli 1914 war der Schwimmverein, der 120 Mitglieder zählte, selbstverständlich vertreten. Nach der Eröffnungsansprache durch Oberbürgermeister Haußer kam der Vorstands des Vereins, Herr Rechtsanwalt Seeger, zu Wort. Er pries den „Fest- und Freudentag für unsere schöne Musenstadt“, die nun endlich eine „ideale Stätte zur Pflege des deutschesten aller Sporte, des Schwimmens“ erhalten habe. Dass der Erste Weltkrieg sich ankündigte, wird aus seiner nationalistisch gefärbten Ansprache mit ihrer Besinnung auf „deutsche“ Stärken und Tugenden besonders deutlich, die die Tübinger Chronik auf ihrer Sonderseite abdruckte:

„Deutsch, kerndeutsch nenne ich die edle Schwimmkunst (… ), erzählt doch schon Meister Tacitus in seinem weltberühmten Buche „de Germania“ von den alten Deutschen, dass sie zur Sommer- und Winterzeit schwimmen. Von heute ab können wir es also unseren Urvätern gleichtun, in weit, wenn auch in der Halle, so doch das ganze Jahr über schwimmen. (…) Das deutsche Volk, vor allem die Jugend, hat glücklicherweise den Sport schon längst als unversiegbare, reichsprudelnde Quelle gesunder Manneskraft und reiner Lebensfreude erkannt. Das Schwimmen steht aus den verschiedensten Gründen obenan: es weitet die Lunge und stärkt das Herz, kräftigt und stählt die Glieder, erzieht zur Körper- und Selbstbeherrschung, härtet ab und schafft harmonische Körper und was dem deutschen Schwimmen seinen Vorsprung vor allen andern Körperübungen für immer sichert, ist eine praktische Anwendbarkeit im Dienst der Nächstenliebe und Selbsterhaltung, denn nur der beherzte, mutige, geistesgegenwärtige Schwimmer ist in der Lage, jederzeit sich selbst und den Volksgenossen vor dem grausigen Tod des Ertrinkens zu retten.“

Mit einem „frisch-fröhlichen Gut Nass!“ kündigte er dann die Schwimmvorführung des Vereins an, der einiges zu bieten hatte: Handüberschlag-Schwimmen, Brust- und Rückenschwimmen, Retten, Kleiderschwimmen, Strecken- und Tellertauchen, Damen- und Knabenschwimmen sowie Stafette; „zum Schluß stürzten sich gleichzeitig die etwa 20 Schwimmer und Schwimmerinnen in die klare blaugrüne Flut und tummelten sich in allen möglichen Schwimmarten darin, ein hübsches, lebendiges Bild voll elementaren Reizes“, so die Chronik.

Lernt schwimmen!

Die Freude war nur von kurzer Dauer. Der Erste Weltkrieg erschwerte das Vereinsleben durch zahlreiche Einberufungen und legte es schließlich lahm. Erst im November 1920 wurde der TSV neu aus der Taufe gehoben.

Die Begeisterung für den Schwimmsport wuchs, trotzdem nahmen vor allem die Tübingerinnen das neue Angebot der Schwimmhalle nur zögerlich wahr: Zu den „Damenzeiten“  - noch badeten Männlein und Weiblein ja streng getrennt - sei es „geradezu trostlos“ im Uhlandbad. Das lesen wir in einem Schreiben des  Schwimmvereins vom Februar 1921, der für seine inzwischen 250 Mitglieder einen zweiten Trainingsabend beantragt, um Damen und Herren getrennte Abende anbieten. Die übten nämlich ebenfalls nicht gemeinsam, sondern nacheinander und die Tatsache, dass sie „einander auch beim Umkleiden nicht zuschauen“ sollten, begrenzte die Trainingszeit zusätzlich.

Das Stadtschultheißenamt gab grünes Licht und gestattete einen 2. Abend „zur vereinsmäßigen Pflege des Schwimmsports“. Außerdem erteilte der Gemeinderat die Erlaubnis, ein „Schau- und Werbeschwimmen“ abzuhalten, um den Schwimmsport populärer zu machen. Solche Veranstaltungen fanden in den nächsten Jahren immer wieder statt.

Wie eine Schwimmstunde damals aussah, verrät ein Blick in den Übungsplan von 1922: Die „weibliche Jugend“ übte Rückencrawl- und Brustschwimmen an der Angel sowie Figurenschwimmen. Die „männliche Jugend“ trainierte Crawlschwimmen mit Armbewegungen, Tellertauchen, Kopfweitsprung und Rettungsschwimmen.

Neben dem Training im Uhlandbad nutzten die Schwimmer weiterhin den Neckar, der z.B. unterhalb des Stauwehrs Trainingsmöglichkeit und Umkleiden bot. Alljährlich fand außerdem ein Schwimmen „Quer durch Tübingen“ im Neckar statt. Neben der Schwimmausbildung bereicherten Familienfeste, Sing- und Tanzstunden sowie Ausflüge das Vereinsleben der 20er Jahre.

„Denn das Wasser tut nicht weh!“

„Mögen tausend Stubenhocker / hinterm Ofen wärmen sich,
aus der Pfeif‘ gestopft ganz locker / Knaster dampfen fürchterlich.
Wir, wir schwimmen froh und munter / Mit Gut Nass durch Strom und See,
fröhlich tauchen wir hinunter; / denn das Wasser tut nicht weh.

Darum mut’ge  Schwimmersleute / in dem deutschen Vaterland,
seid nur immer froh und heiter, / steht zusammen Hand in Hand!
Mit „Gut Nass“ durch Sturm und Regen / nur dem Schwimmsport wir uns weih’n
mit „Gut Nass“ und Gottes Segen, / fest vereint im Schwimmverein“

(aus dem Festlied des Schwimmvereins von 1922, Melodie: Strömt herbei ihr Völkerscharen)

Zeitsprung

Wie schon fürs Uhlandbad engagierte sich der Schwimmverein später aktiv für den Bau des Tübinger Freibads, das 1951 seine Pforten öffnete, u.a. mit Filmvorführungen und humoristischen Schwimmvorführungen im Museum, deren Erlös dem Freibad gestiftet wurde. Auf ein größeres Hallenbad mussten die Tübinger noch bis 1974 warten.

Seit den 60er Jahren sind die Sprungbretter im Uhlandbad abgebaut. Eine Wettkampfstätte ist das historische Bad heute nicht mehr – zumal die Maße des Beckens nicht ganz normgerecht sind. Trotzdem ist es auch heute unverzichtbar für den Verein, der dort an 3 Tagen in der Woche seine Kinder und Nachwuchstalente trainiert.

Quellen

  • Tübinger Chronik vom 25. und 26. Juli 1914
  • Broschüre 50 Jahre Tübinger Schwimmverein, 1964
  • 100 Jahre Tübinger Schwimmverein, Festrede von Ingrid Braun zum Jubiläum 2013

Folge 15: Der Nachbarsbub – Rainer Ruf berichtet von Elefanten und Soldaten

Der Nachbarsbub: Rainer Ruf berichtet von Elefanten und Soldaten vorm Uhlandbad

Groß geworden ist er in gleich nebenan, der Sohn des Bademeisters war sein Freund. Klar, dass das Uhlandbad in den Kindheitserinnerungen von Rainer Ruf eine wichtige Rolle spielt:  

„Da ich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Uhlandbad aufgewachsen bin, hatte ich seit der Wiedereröffnung nach dem Zweiten Weltkrieg 1948 Verbindung zu diesem Bad. Schwimmen habe ich allerdings nicht dort, sondern am „Insele“ im Neckar gelernt.

Mein ältester Freund war der Sohn des damaligen Badverwalters im Uhlandbad. Die Familie wohnte dort in der Dienstwohnung im Obergeschoss. So blieb es nicht aus, dass die Verbindung durch diese Freundschaft auch im Wasser vertieft wurde. Ich kannte das Bad wie meine Westentasche mit seinen Wannen- und Brausebädern und der Schwimmhalle, die wir wann immer möglich benutzten. Immer wenn wir unbeobachtet waren, sprangen wir von der Galerie ins Becken - das war natürlich offiziell streng verboten.   

Das Bad war damals ja noch nicht ständig für die Tübinger offen, sondern häufig für die Besatzungsmacht reserviert. Ich erinnere mich noch daran, wie sich die französischen Soldaten nach ihrer Schwimmstunde vor dem Uhlandbad in der Karlsstraße aufstellen und strammstehen mussten - eine große Eingangshalle gab es ja noch nicht - und dann mit lautem „un - deux - un - deux“ abmarschierten und an unserem Haus vorbeikamen.

Meine Mutter war Mitglied im Tübinger Schwimmverein und brachte mich ebenfalls zum Schwimmsport. Ich wurde aktives Mitglied in der ersten Kindermannschaft, die ihren ersten Wettkampf beim Kinderschwimmfest in Albstadt-Tailfingen erfolgreich bestritt, wie die strahlenden Gesichter auf dem Bild zeigen.

An die Dreiecksbadehosen damals kann ich mich noch gut erinnern. Sie wurden seitlich geknöpft und hatten vorne drauf das Emblem des Vereins, das wir stolz trugen.

Manchmal kamen übrigens echte Elefanten zum Uhlandbad! Wenn früher ein Zirkus in Tübingen gastierte, wurden die Elefanten am Güterbahnhof ausgeladen und Richtung Festplatz geführt. Am Beginn der Kastanienallee hinter dem Uhlandbad machten sie immer Pause, um dort am Brunnen zu trinken. Das Uhlandbad wurde ja neben der Fernleitung auch von einem Brunnen vor Ort mit Wasser versorgt. Da standen sie dann und tranken den Schwimmern das Wasser weg... Das war für uns Kinder natürlich immer ein Fest!

Seit ich in Rottenburg wohne, komme ich nicht mehr regelmäßig, aber ich finde, das Uhlandbad ist auch heute noch heimelig.“

Folge 16: Blick ins Archiv: Von Schamgrenzen und Kabinenspechten (die 1950er Jahre)

Blick ins Archiv: Von Schamgrenzen und Kabinenspechten (die 1950er Jahre)

In den 1950er-Jahren waren im Uhlandbad die technischen Probleme der Nachkriegszeit überwunden: Nach dem Wegfall der Wärmeversorgung durch das Gaswerk taten neue Heizkessel im Keller des Bades ihren Dienst, das Beckenwasser wurde von einer Wasserreinigungsanlage dreimal täglich umgewälzt, gefiltert und von einer modernen Choranlage keimfrei gemacht. Auch die Einrichtung wurde erneuert, vor allem die durch Feuchtigkeit und Temperaturschwankungen stark mitgenommenen Umkleidekabinen und die Duschen. Die medizinischen Bäder und das Dampfbad standen wieder zur Verfügung, in der Schwimmhalle und den Reinigungsbädern stiegen die Besucherzahlen auf Rekordhöhe. Ein Blick ins Archiv zeigt nicht nur die technischen und finanziellen Schwierigkeiten, die es in der Phase des Neubeginns zu überwinden galt, sondern auch eine Reihe kurioser Zwischenfälle ...

Schäden durch „Kabinenspechte“

Nackte Haut ist in den prüden 1950er-Jahren noch ein seltener Anblick. Kein Wunder, dass die Schwimmbäder „Spanner“ anlocken: Kaum waren im Uhlandbad die Umkleidekabinen erneuert, wurden sie schon wieder durch Vandalismus beschädigt, verrät das Gemeinderatsprotokoll vom 16. Oktober 1950: „Der Vorsitzende teilt mit, außer dem erfreulichen Ansteigen der Besucherzahl im Uhlandbad müsse er die Mitglieder davon in Kenntnis setzen, dass neuerdings irgendwelche Elemente am Werk seien, die das neu hergerichtete Bad wieder verschandeln. Es sei bereits wieder ein Spiegel gestohlen worden. Außerdem seien verschiedentlich Löcher in die Kabinenwände gebohrt worden.“

Mahnende Aushänge im Bad bleiben wirkungslos. Das Löcherbohren entwickelte sich zu einer Art „Volkssport“. Im August 1953 wurde der 19-jährige Kaufmannslehrling Eberhard K. auf frischer Tat ertappt: Eine Garderobenfrau hatte die Sägespäne rieseln sehen. Die Polizei stellte fest, dass mit dem Bohrer, den man im Halbschuh des Übeltäters fand, in sieben Zellen jeweils zehn Löcher gebohrt worden waren. Das Hochbauamt machte daraufhin Bestandsaufnahme im Uhland- und Freibad und meldete am 19. August an die Stadtwerke: „In sämtlichen 64 Umkleidekabinen wurden insgesamt 320 Bohrlöcher festgestellt.“ 75 Schreinerstunden fallen zur Beseitigung an.

Der minderjährige Lehrling bekam wegen „regelmäßig verübten Unfugs“ Schwimmverbot und wurde vom Amtsgericht verurteilt, pro Loch 1 DM, also insgesamt 70 DM Schadensersatz zu zahlen. Außerdem musste er an vier Nachmittagen die Wannenbäder putzen. Abschreckende Wirkung hatte das allerdings nicht ...

Ermittlungen gegen Heiner F.

So erfahren wir aus den Akten von weiteren Strafverfahren, zum Beispiel im November 1961 gegen den Jurastudenten Heiner F.: Auch er soll Löcher in die Kabinen des Uhlandbads gebohrt haben. Der Student war vom Bäderpersonal beim häufigen Wechsel der Kabinen beobachtet worden, in den Zwischenwänden befanden sich neu gebohrte Löcher, darunter lagen Häufchen frischen Holzmehls. Der Beschuldigte hatte zudem einen „Nageldorn“ (Bohrer) bei sich, der exakt der Größe entsprach. Heiner F. hatte allerdings für alles Erklärungen parat: Er hätte die frischen Löcher ebenfalls gesehen und daraufhin in anderen Kabinen nachgesehen, um selbst den Täter zu überführen. Er hätte sich lang im Kabinenbereich aufgehalten, da er noch auf einen Kameraden warten wollte, Kleinwerkzeug für Fahrradreparaturen hätte er immer bei sich - und aufgeregt sei er gewesen, da er gerade aus seinem 1. Staatsexamen gekommen wäre. Das Gerichtsverfahren endete nach einem Berufungsverfahren mit Freispruch.

Wechselkabinen statt Wartezeiten

Als die Stadtwerke in den 60er-Jahren wieder Sanierungen in Angriff nahmen, war die Umgestaltung der Umkleidekabinen auf der Galerie eine große Sache: 1963 und 1964 wurden diese in Wechselkabinen mit separaten Garderobenschränken umgebaut. Nicht mehr durchgehend vom Badegast belegt, können sich dort viel mehr Besucher als zuvor umziehen. Die Entscheidung für ein neues Kabinenmodell hatte sich der Gemeinderat nicht leicht gemacht: Eine eingehende Besichtigung der Verhältnisse vor Ort ging ihr voraus, und für die Wahl der Schränke wurden bei etwa 50 Badeanstalten in ganz Deutschland Erkundigungen eingeholt.

Die Wahl fiel schließlich auf Kabinen der Bauart Kerapid, die „hygienisch einwandfrei“, gut zu lüften und leicht abwaschbar sind. Die Trennwände waren nun gefliest. Um keinen Anreiz zum Anbohren der Wände zu bieten, wurden außerdem die Geschlechter getrennt: Auf der linken Galerie ziehen sich seither die Damen um, rechts die Herren. Die Schrankschlüssel erhielt man nun an einem neuen Schalter, an dem auch Wäsche und Badezutaten ausgegeben, Wertsachen aufbewahrt und die Einhaltung der vorgeschriebenen Badezeit (eine Stunde!) kontrolliert wurde.

Folge 17: "Was für ein Luxus!" – Erna Nußkern denkt gern ans Wannenbad im Uhlandbad

"Was für ein Luxus!" – Erna Nußkern denkt gern ans Wannenbad im Uhlandbad

Bis in die 70er Jahre spielten die Wannenbäder im Uhlandbad eine wichtige Rolle für die Bewohner der Tübinger Altstadt und wurden rege besucht. Badezimmer in den Wohnungen waren selten. Noch bis 1994 konnte man im Uhlandbad in die Wanne steigen. Erna Nußkern aus Freudenstadt erinnert sich an die Wannenbäder der 50er Jahre:

„100 Jahre Uhlandbad – spontan fällt mir die Wärme und damit ‚Luxus pur‘ in der schweren Nachkriegszeit ein!

Zuerst muss ich die Vorgeschichte erzählen: Ich wurde 1931 in Hinterpommern geboren. 1945 ging meine Familie auf die Flucht. Wir kamen aber nicht weit und mussten auf Befehl der Russen wieder zurück. Nach 1 ½ Jahren unter den Russen wurden wir im Sommer 1946 ausgewiesen, kamen über Stettin-Scheune bis Juli 1949 zunächst nach Bad Segeberg, dann in das Barackenlager in Puan Klent auf Sylt, später nach Hörnum/Sylt in die Luftwaffenkasernen. Von dort wurden wir Baden-Württemberg zugewiesen, dem Kreis Tübingen. Meine Mutter zitierte Uhland - „Droben stehet die Kapelle ...“ – und meinte, sie hätte nie im Leben gedacht, da mal hinzukommen. Nach einiger Zeit in Bad-Niedernau landeten wir schließlich in Ofterdingen. Ich bekam Arbeit in Tübingen. Unser Leben normalisierte sich.

Meine freien Tage begann ich immer mit einem Wannenbad im Uhlandbad. Zuerst hab ich mir dafür eine schöne Glasflasche „4711“ in der Drogerie in der Neckargasse gekauft, die gibt es ja noch heute. Das war mein persönlicher Luxus nach all den entbehrungsreichen Jahren. Ich habe das sehr genossen! Und noch heute berührt mich die Erinnerung daran sehr. Im heutigen Leben ist die tägliche Dusche selbstverständlich – doch alles war auch schon einmal anders.“

Folge 18: Blick ins Archiv: Eine Frage der Technik – Ruhm und Tücken früher Fernwärme

Blick ins Archiv: Eine Frage der Technik – Ruhm und Tücken früher Fernwärme

„Als wir uns auf dem Rathaus nicht mehr anders zu helfen wussten und guter Rat wieder einmal teuer war, als beim Vergleich der mutmaßlichen Einnahmen und Ausgaben die teure Kohle einem immer wieder einen Strich durch die Rechnung machte (...) – da sind wir unter die Entdecker gegangen“, sagte Tübingens Oberbürgermeister Hermann Haußer bei der Eröffnung des Uhlandbads im Juli 1914. Von was für einer Entdeckung spricht er da? In der Tat hatte sich in Tübingen Bahnbrechendes getan ...

Lang galt das heiß ersehnte Stadtbad als zu kostspielig. Bis sich eine geniale Lösung fand: eine kostensparende Wärmequelle. Die „Gasanstalt“ im Eisenhut sollte das Badewasser des künftigen Uhlandbads erwärmen. Otto Henig, Betriebsleiter der städtischen Werke und ein „echtes Käpsele“, hatte ab 1910 zusammen mit Gasmeister Michael Fauner experimentiert, wie sich die Abwärme der Gasöfen zur Warmwasserbereitung nutzen ließe - mit Erfolg. „Von maßgebenden Fachmännern nachgeprüft taten sie dar, dass – ohne jede Beeinträchtigung des Gaserzeugungsprozesses und ohne Mehraufwand an Heizmaterial – eine für den Betrieb völlig genügende Menge von Heißwasser gewonnen und der Badeanstalt zugeführt werden könne“, heißt es in der Eröffnungsschrift des Uhlandbads. Die „Fernwarmwasserleitung“ machte Kesselhaus, Kamin und Kohlen überflüssig und würde die Betriebskosten ganz erheblich verringern, so dass „ein nennenswerter laufender Zuschuss für die Anstalt voraussichtlich nicht nötig sein werde“.

Die Fernwarmwasserleitung - Innovation made in Tübingen

Fernwärmeversorgung ist heute ein alter Hut, doch vor 100 Jahren war sie eine sensationelle Innovation. Seit 1908 gab es das 2. Tübinger Gaswerk im Eisenhut, heute Standort der Stadtwerke-Verwaltung. Hier wurde „Stadtgas“ aus Steinkohle erzeugt. Die Kohle wurde in Retortenöfen unter Luftabschluss auf ca. 700 °C erhitzt und setzte dabei Gas frei, das gereinigt und im Gasometer gesammelt wurde. Zurück blieb Koks, das zur Entnahme erst wieder abkühlen musste - entsprechend änderte sich die Temperatur der Retorten. Nun durfte die Gasbereitung durch die Anlagen zur Warmwassererzeugung keinesfalls gestört werden. Henig installierte dazu Rohrschlangen in den letzten Feuerzügen und entlang der Ofenrückwand, durch die Wasser floss und dabei die Wärme aufnahm. Eine elektrisch gesteuerte Pumpe sorgte dafür, dass sich die Fließgeschwindigkeit der Ofentemperatur anpasste, um die Wärme optimal auszunutzen. Über einen Wärmetauscher wurde das vor Ort in einem Brunnen geförderte Badewasser auf etwa 50°C erhitzt.

Eine 1,7 km lange Leitung sollte das Wasser zum Uhlandbad befördern. Um das geeignete Material dafür zu finden, hatte Henig im Gaswerk eine kleine Versuchsanlage errichtet, die 1,5 Jahre in Betrieb war. Es stellte sich heraus, dass feuerverzinkte Stahlröhren dem warmem Wasser am besten standhielten. Diese 80 mm weiten Rohre wurden 1,5 m unter Straßenniveau in einem Zementkanal verlegt. Geteert und mit Dachpappe isoliert betrug der Wärmeverlust auf dem Weg nur 1,2°C. Die Fernleitung mündete im Uhlandbad in einen Sammelbehälter unter dem Schwimmbecken. Dort wurde es mit Wasser aus einem Brunnen beim Bad selbst gemischt. Die Menge genügte, um täglich 1/20 des Schwimmbeckeninhalts auszutauschen und das gesamte Becken dreimal pro Woche frisch zu befüllen.

„Zur Nachahmung empfohlen“

Ganz neu war die Idee der Fernwärme nicht: Heißen Dampf nutzte man schon andernorts zum Heizen, in Berlin-Spandau hatte kurz zuvor eine Badeanstalt mit Fernwarmwasserleitung eröffnet. Neu war aber das Verfahren, die Wärme der Gasöfen so effizient zu nutzen. Dies stieß auf reges Interesse: Bereits 1913, das Uhlandbad war noch eine Baustelle, hatte Werksleiter Henig seine Erfindung auf der hygienischen Ausstellung in Stuttgart präsentiert. Auch außerhalb des Schwabenlands sorgte er für Aufsehen. Ausführliche Artikel über das Uhlandbad erschienen im Gasjournal und in der Berliner Städte-Zeitung sowie in der Zeitschrift für Deutsches Bade- und Kurwesen. 1925 schrieb die Deutsche Gesellschaft für Volksbäder in einem Sonderdruck: „Eine derartige Betriebsverbindung von Gaswerk und Volksbad verdient hohe Beachtung und kann zur Nachahmung nicht dringend genug empfohlen werden.“

Bald trafen zahlreiche Anfragen aus dem In- und Ausland in Tübingen ein. Das Stadtwerke-Archiv bewahrt einen ganzen Berg Dokumente zum Thema, darunter über 100 Zuschriften aus ganz Deutschland, aus Schweden (Landskrona), Utrecht, Breslau und aus Schweizer Städten, die sich nach den Erfahrungen in Tübingen erkundigten. Einige Interessenten, wie die Gebrüder Sulzer aus Winterthur, vereinbarten gleich Besichtigungstermine.

Die Rechnung ging auf

Laut Rechenschaftsbericht erzielte das Uhlandbad 1914/15 einen „durchaus erfreulichen“ Überschuss von 6.700 Mark. Bis Anfang der 1930er Jahre trägt sich der Badebetrieb selbst. 1928 schrieb Henig: „(...) nur durch das Vorhandensein der Warmwasser-Fernversorgung wurde Tübingen eines der wenigen, vielleicht das einzige Bad an Orten der Größe Tübingens, das kein Zuschussbetrieb ist, sondern sich vollständig selbst trägt und dazu noch, trotz der Inflation, ganz beachtliche Rücklagen machen konnte.“

Der Pionier Otto Henig, der von 1904 bis 1938 die Entwicklung der Stadtwerke vorantrieb und schon an der Entstehung des Neckarkraftwerks und des Gaswerks im Eisenhut beteiligt war, plante parallel eine gleislose Stadtbahn für Tübingen (zu der es nicht kam) und realisierte in den 20er-Jahren ein modernes Speicherkraftwerk auf dem Österberg. Dem Uhlandbad kam seine Fernwarmwasserleitung bis 1949 zugute. Sein Plan, noch weitere städtische Gebäude mit Fernwärme zu heizen, wurde allerdings erst Jahrzehnte später in die Realität umgesetzt.

Eine zweite Leitung und Tücken der Technik

Mitte der Zwanzigerjahre, als die Besucherzahlen im Uhlandbad die 100.000er-Marke überstieg, kam es hin und wieder zu technischen Probleme mit der Warmwasserzufuhr, der Kesselanlage oder der Wasserqualität. Das Gesundheitsamt schrieb Entkalken und Chlorieren des Badewassers vor. Eine moderne Umwälz- oder Filteranlage gab es damals freilich noch nicht. Der Wasserbedarf - allein drei ganze Beckenfüllungen pro Woche - war für heutige Verhältnisse immens! Im März 1928 beschloss der Gemeinderat, zur Unterstützung der Warmwasserversorgung eine zweite Fernwärmeleitung vom Elektrizitätswerk beim Neckarstauwehr her zu bauen, wo man gerade eine neue Dieselmaschine zur Stromerzeugung aufgestellt hatte. Nun konnte man das warme Wasser öfter wechseln - ohne auch nur „einen Pfennig Unkosten“.

Laut einer Aktennotiz hatte es wohl kritische Stimmen gegeben, die an der modernen Wärmeversorgung zweifelten. Dieser „Ansicht irgendwelcher Kreise“ trat Henig vehement entgegen und legte dar, „dass gerade das Vorgehen Tübingens bahnbrechend auf dem Gebiet des Badwesens wirkt, dass wir im Laufe der Jahre viele Hundert Anfragen in dieser Richtung bekamen und dass viele Neuanlagen auf Grund unserer Gedankengänge ausgeführt wurde. Ja selbst in kleineren Ortschaften in unserer unmittelbaren Nachbarschaft – ich erinnere an Mössingen und an Herrenberg – wurde es möglich, auf Grund unserer Resultate ihrer Bevölkerung die Wohltat von Badeeinrichtungen zu vermitteln, ohne dass dabei die Gemeinden in finanzielle Belastung kamen.“

In den 30er Jahren schwächelte die Technik. Das warme Wasser im Sammelbehälter kühlte stark ab, besonders bei hohem Wasserstand des Neckars. Die Druckverhältnisse und Temperaturen in der Fernleitung schwanken stark, teils weil Feuchtigkeit die Isolierung beschädigt hatte, teils aus Unachtsamkeit im Gaswerk, wo zur Kontrolle ein selbstschreibendes Thermometer aufgestellt wurde. Außerdem stellte sich heraus, dass im Gaswerk ein Teil des Warmwassers für die Waschgelegenheiten der Arbeiter abgezweigt wurde. Ein Gutachten der Wirtschaftsberatung Aktiengesellschaft Berlin vom August 1943 über die Bewertung der Warmwasserlieferung, erwähnt, dass die erzielte Wassertemperatur vor allem im Winter bald nicht immer ausreichend war und im Gaswerk durch Beidampfen mit Koks auf die erforderliche Höhe gebracht werden musste. Und längst überstiegen die Betriebskosten die Einnahmen: 1937 was erstmalig ein Zuschuss von 365 DM fürs Uhlandbad fällig geworden, ab da musste die Stadt immer höhere Summen beisteuern.

Das Ende der billigen Wärmequelle

Im Zweiten Weltkrieg war die Nutzung des Uhlandbads nur eingeschränkt möglich, 1944 musste es ganz schließen. 1946 wurde der Betrieb langsam wieder aufgenommen, zunächst nur für die Angehörigen der Besatzungsmacht. Dass die Militärregierung 1947 für Vereine und Schulen Schwimmzeiten freigab, nützte wenig, da kein Heizmaterial aufzutreiben war. Auch reichte das warme Wasser vom Gaswerk nicht mehr aus. Schon in den Jahren vor dem Krieg musste zusätzlich „beigedampft“ werden; jetzt stand nur noch die Abwärme aus zwei Retortenöfen zur Verfügung, die mit 60 m³ nicht einmal die Hälfte der notwendigen Wassermenge erwärmen konnte. Auch hatte sich gezeigt, dass der Betrieb der Heizschlangen auf Dauer die Öfen beschädigte. Die Fernwärmeleitung war an manchen Stellen undicht geworden und auch wegen der geringeren Durchflussmenge erhöhte sich der Wärmeverlust auf 7 bis 10°C. Man konnte das Beckenwasser nicht mehr oft genug zu wechseln und die hygienischen Bedingungen waren katastrophal. Eine Filteranlage war dringend notwendig: Neben der Reinigung des Wassers würden sich damit erhebliche Wassermengen einsparen lassen. 

Da sich die Stilllegung des Tübinger Gaswerks abzeichnete, plante man langfristig eine Kesselanlage im Uhlandbad selbst. Doch die Industrie war nicht lieferfähig und die Finanzlage schlecht. Um den Betrieb nicht zu unterbrechen, sollten vorübergehend Dampfkessel im Gaswerk zur Wassererwärmung dienen. Doch woher die Kohlen nehmen? Viele Schreiben der Stadtverwaltung an die verschiedensten Verwaltungsstellen und die Services militaires sind erhalten, die immer wieder die dringende Bitte um Kokszuteilung „im Interesse der Volksgesundheit“ äußern. Immer wieder standen die Badegäste vor verschlossenen Türen.

Im Lauf des Jahres 1949 ging es aufwärts: Wannen- und Brausebäder öffneten wieder die ganze Woche, die Schwimmbad zumindest an den meisten Nachmittagen. Die medizinischen Bäder und das Schwimmtraining der Vereine wurden wieder aufgenommen. Im Dezember 1949 konnte die Wasserreinigungsanlage in Betrieb gehen, die fortan dreimal täglich das Beckenwasser umwälzte und filterte, gleichzeitig wurde es in einer - in Abstimmung mit dem Hygiene-Institut bestellten - modernen Choranlage keimfrei gemacht. Im Juni 1950 waren die neuen Warmwasser- und Heizungsanlagen im Untergeschoss einsatzbereit. Mit der Umstellung der Technik war die Arbeit des Heizers umfangreicher geworden und machte eine zweite Kraft notwendig: Praktischerweise wohnte die direkt im Haus. Ab 1946 waren die beiden Dienstwohnungen im Uhlandbad an den Heizer Eugen Hipp mit seiner 5-köpfigen Familie (der auch noch 2 Studenten beherbergte) und den Bäderleiter Alfred Rampf, ebenfalls mit 3 Kindern, vermietet, die bis Mitte der 60er-Jahre hier wohnten. Das Gaswerk im Eisenhut arbeitete nun nicht mehr - Tübingen bezog Stadtgas von Reutlingen, 1971 erfolgte die Umstellung auf Erdgas.

Und heute?

Wärmetechnisch ist das einstige »Vorzeigebad« heute auf neuestem Stand: 1992 errichteten die Stadtwerke im Untergeschoss des Uhlandbads Tübingens erstes Blockheizkraftwerk. Mit hohem Wirkungsgrad wärmt es das Bad und speist zugleich Strom ins Netz ein. 2013 wurde es durch eine moderne, hocheffiziente Anlage ersetzt. Zusammen mit mehreren gasbetriebenen Heizkesseln, einige davon im Kepler-Gymnasium, produziert diese genug Wärme, um auch die Gebäude der Uhlandstraße zu versorgen. Und mit 2,5 Millionen Kilowattstunden im Jahr erzeugt das BHKW Strom, der für rund 625 Familienhaushalte reicht. Hier schließt sich der Kreis: Man ist zurückgekehrt zum Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung wie schon vor 100 Jahren, als Otto Henig die Fernwarmwasserleitung erfand.

Quellen

  • Bilder: Stadtwerke Tübingen
  • Gemeinderats-Protokolle 9.11.1912 und 23.05.1914;
  • Tübinger Chronik vom 25.07.1914
  • Eröffnungsschrift „Uhlandbad Tübingen“ 1914,
  • Carmen Palm, Wir wirken mit. 150 Jahre Stadtwerke Tübingen, 2012
  • Betriebsstatistiken und Dokumente zur Betriebsführung des Uhlandbads: Archiv Stadtwerke Tübingen

Folge 19: Schickliches und Unschickliches: Bademoden im Uhlandbad

Schickliches und Unschickliches: Bademoden im Uhlandbad

Als das Uhlandbad vor 100 Jahren öffnete, ging es noch etwas anders zu beim Baden, als wir das heute gewöhnt sind. Knappe Bikinis, gemeinsames Schwimmen, nackt duschen – UNMÖGLICH! Die Kaiserzeit war was die Mode und Sitten anging, die Zeit der Korsetts, der bodenlangen Röcke und großen Hüte.

Dass Frauen überhaupt in der Öffentlichkeit baden durften, war in Tübingen ein neues Phänomen und erst 1899-1902 im „Ludwigsbad“, dann ab 1908 im Freibad im Neckar erlaubt. Bis dahin mussten sich die Tübingerinnen mit den kleinen Badehäuschen begnügen, die es am Neckarufer reichlich gab. Die Damen badeten darin komplett verhüllt in langen dunklen Kleidern und schwarzen Baumwollstrümpfen und Badeschuhen - selbst nackte Füße galten lange Zeit als obszön.

In den städtischen „Schwimmanstalten“ wurde von Anfang an dafür Sorge getragen, dass es beim Baden anständig zuging. Selbstverständlich badeten Männer und Frauen auch im Uhlandbad zu getrennten Zeiten.

Wer keine Badekleidung besaß, konnte züchtige Badewäsche leihen: ein Badeanzug oder eine Badehose kosteten 40 Pfennig, ein kleines Badetuch ebenfalls.

Mit der Eröffnung des Uhlandbads erweitern die Tübinger Modegeschäfte ihr Sortiment um Bademode: Anzeige Pfleiderer vom Juli 1914

Vom wallenden Stoffungetüm zum engen Trikot

Um die Jahrhundertwende wurden die Badekleider der Damen zunehmend kürzer. Badekostüme in vielen Kombinationen kamen auf: Hosen, Jacken mit Schößchen, Blusen mit Gürteln, bisweilen elegant verziert mit Bordüren und Stickereien, dazu Badehüte und –hauben.

Die Modefarben Rot, Blau und Weiß lösten das strenge Schwarz ab. Um 1908 kam dann der „Badesack“ in Mode, ein sackartiges Gewand mit Gürtelschößchen und Achselverschluss. Die Herren trugen in jener Zeit gestreifte Trikots und zeigten sich noch selten mit freiem Oberkörper.

1907 wirbt die Tübinger Chronik für die neueste Sommermode: fußfreie Sommerkleider, Fahrrad- und Badekostüme - „Mit Bedacht soll das allerleichteste Kostüm gewählt werden. Denn „ein gutkleidender Badeanzug und eine hübsche Badekappe können eine schön gebaute Gestalt besser zur Geltung bringen als prunkvolle Gewänder“.

„Ich will schwimmen, und das kann ich nicht mit einer Wäscheleine voll Stoff an meinem Körper“, beschwerte sich 1907 die australische Sportschwimmerin Annette Kellermann, warf die Textilmassen ab und sprang am Strand von Boston im schwarzen Wolltrikot ins Wasser. Prompt wurde sie wegen Erregen öffentlichen Ärgernisses verhaftet. Doch die Tage der umständlichen Badekostüme war gezählt. Um 1914 befreite Coco Chanel die Damenwelt vom Korsett und entwarf Bademode aus elastischem Material. Von nun an wurden Badeanzüge aus leichtem Baumwolltrikot produziert, farblich meist dunkel gehalten, mit abgesetzten Rändern. Nach dem ersten Weltkrieg wurden die Farben bunter, die Schnitt enger und gewagter. Die Damen zeigten ebenso ungeniert wie die Herren ihre Knie. Unerhört! Konservative Kreise sahen die Moral in Gefahr. Noch in den 1920er Jahren mussten die Frauen in vielen Badeanstalten über dem modischen Einteiler  einen Rock tragen.

In den 20er Jahren löst das enge Badetrikot die dunklen Badekostüme der Kaiserzeit endgültig ab. Während in vielen Badeanstalten noch ein Rock darüber getragen werden muss, zeigt man in Tübingen viel Bein, wie diese Turnerinnen im Uhlandbad 1920.

Sorgte für Ordnung: der „Zwickelerlass“

Auch der Tübinger Gemeinderat sorgte sich um die „guten Sitten“ in den städtischen Badeanstalten. Der immer freizügigeren Bademode gebot ab 1932 der so genannte „Zwickelerlass“ des preußischen Innenministeriums Einhalt, der nicht nur das Nacktbaden verbot, sondern auch ganz genau regelte, welche Körperteile beim Baden zu verhüllen sind:

„Frauen dürfen öffentlich nur baden, falls sie einen Badeanzug tragen, der Brust und Leib an der Vorderseite des Oberkörpers vollständig bedeckt, unter den Armen fest anliegt sowie mit angeschnittenen Beinen und einem Zwickel versehen ist. Der Rückenausschnitt des Badeanzugs darf nicht über das untere Ende der Schulterblätter hinausgehen. Männer dürfen öffentlich nur baden, falls sie wenigstens eine Badehose tragen, die mit angeschnittenen Beinen und einem Zwickel versehen ist. In sogenannten Familienbädern haben Männer einen Badeanzug zu tragen.“

Vor allem die beinfreie „Dreiecksbadehose“ für Männer galt als skandalös und wurde auch in Tübingen verboten. In einer Bekanntmachung in der Zeitung vom Mai 1933 wird darauf hingewiesen, „dass inskünftig den männlichen Badegästen das Tragen von Dreiecksbadehosen nicht mehr gestattet ist. Auf alle Fälle dürfen nur noch Badehosen mit Beinansatz getragen werden.“ Die Zeiten von Bikini und Tanga waren noch fern ...

Doch immerhin sah die Tübinger Badeordnung von 1933 vor, dass keine Trennung der Geschlechter mehr vorgenommen werden sollte: Zum ersten Mal durften Männlein und Weiblein gemeinsam ins Schwimmbecken - im Uhlandbad immerhin für zwei Stunden am Donnerstag im „Familienbad“. Hier setzte sich das gemeinsame Schwimmen nur langsam durch. Bis 1971 gab es noch eine exklusive Herrenstunde, bis heute können die Damen am Donnerstag von 14-15 Uhr unter sich sein.

Die 1950er Jahre: Bikinis, Kabinenspechte und Nacktduscher

In den 30er Jahren kamen in den USA die ersten Zweiteiler auf, bestehend aus Top und Pumphose. Am 5. Juli 1946 präsentierte Louis Réard im Pariser Schwimmbad Molitor seine neueste Kreation: einen aus vier winzigen Stoffdreiecken bestehenden Zweiteiler, den er „Bikini“ nannte. Nur vier Tage zuvor hatten die USA eine Atombombe über dem Bikini-Atoll gezündet – und auch das neue Badekostüm schlug ein wie eine Bombe! Präsentiert wurde das freizügige Outfit von einer Stripteasetänzerin, da sich die anderen Mannequins geweigert hatten. Später machte Bond-Girl Ursula Andress den Bikini dann populär. Auch im Uhlandbad sah man den Modehit Bikini, wie unsere Zeitzeuginnen berichten, etwa Ruth Winkler, die in den 50er Jahren ihr nagelneues Bikini-Oberteil beim Sprung vom Dreier verlor ...

In früheren Zeiten war es unüblich, sich beim Duschen vor und nach dem Schwimmbad zu entkleiden. Die  gründliche Körperreinigung war vorgeschrieben, sollte aber in Badekleidung erfolgen! Dazu ist zu sagen, dass es im Uhlandbad nur zwei Einzelduschen gab, die einen vor Blicken schützten, alle anderen lagen offen am Ende der Schwimmhalle. Das Aufsichtspersonal wurde angewiesen, im Brauseraum für Ordnung zu sorgen und die Benutzung in „üblicher Badekleidung“ zu überwachen. Nach Beschwerden über Nacktduscher ließen die Stadtwerke in den 50er Jahren Plakate anbringen: „Duschen ohne Badekleidung nicht gestattet!“ Nackte Haut war in jener Zeit eben noch seltener Anblick, was auch das häufige Löcherbohren in die Kabinenwände erklärt.

20 Jahre später – längst war die Erregung über zu wenig oder fehlende Badekleidung abgeebbt – wurde die Bademützenpflicht in den Tübinger Schwimmbädern zu einem vieldiskutierten Thema. 1971 wurde in der Badeordnung der Satz „Weibliche Badegäste müssen Bademützen tragen“ um die „langhaarigen Männer“ erweitert – die Tübinger Hippies lassen grüßen!

Folge 20: Der Mitarbeiter: Erich Lober

Der Mitarbeiter: Erich Lober erinnert sich an die 1970er Jahre

Erich Lober ist vielen Tübinger Schwimmerinnen und Schwimmern aus dem Freibad bekannt, das er lange Jahre leitete. Zuvor war er auch im Uhlandbad eingesetzt und weiß so manche Anekdote aus den 1970er Jahren zu berichten ...

Herr Lober, seit wann kennen Sie das Uhlandbad?

Schon seit meiner Kindheit! Beruflich dann ab 1971, als ich zu den Stadtwerken kam. Ab 1973 war ich in der Bäder-Abteilung tätig und wurde im Uhlandbad eingesetzt. Das war gerade die Phase der großen Sanierung des Uhlandbads und des Baus des Hallenbads Nord. Auch als ich später Freibadleiter wurde, hab ich im Winter oft im Uhlandbad gearbeitet.

Wie war das Uhlandbad „früher“?

Natürlich erinnere ich mich noch an das hohe Gewölbe. Das sah gut aus – verursachte aber gewaltigen Lärm und hohe Heizkosten. Oft gab es Beschwerden, weil es oben, in den Umkleiden auf der Galerie wahnsinnig warm war, unten beim Schwimmbecken aber nicht. Früher gab es in der Eingangshalle einen Brunnen, in dem echte Goldfische schwammen! Und da waren noch Nebenräume mit Duschen für Schüler und das frz. Militär - die Franzosen hatten noch lang eigene Schwimmzeiten. Der ehemalige Chef des Uhlandbad, Herr Schäfer, war Masseur, ein sehr beliebter sogar. Die Massageabteilung befand sich im früheren Wannenbad 1. Klasse im 1. Stock. Nach seinem Ausscheiden wurde sie aufgegeben und heute ist eine Physiotherapiepraxis in den Räumen. 

Erinnern Sie sich, wie viele unserer Zeitzeugen, auch an Sprünge von der Galerie ins Becken?

Das war natürlich verboten – kam aber immer wieder vor und wir Schwimmmeister mussten arg hinterher sein! Früher hatte es ja noch ein 3-Meter-Brett im Uhlandbad gegeben, das in den 60er Jahren aus Sicherheitsgründen abgebaut werden musste. Wenn wir dann hier die Prüfung zum Fahrtenschwimmer abnahmen, wozu ein so genannter „Mutsprung“ gehörte, durften die Kandidaten sogar ganz offiziell vom Balkon springen!

Als Sie kamen, waren die großen Sanierungen im Gang. Besondere Ereignisse?

Allgemein war man sehr froh über die Modernisierung des Uhlandbads, vor allem über mehr Duschmöglichkeiten, bessere Hygiene und angenehmere Temperaturen im Bad. Früher stand ja die Statue des „athletischen Jünglings“ am Kopfende der Schwimmhalle. Sie verschwand im Lauf der Umbauten. Und dann kam eines Tages der OB Gmelin mit der Tochter - oder einer anderen Verwandten - des Bildhauers Knecht hereinspaziert. Gerade war die Halle frisch geplättelt worden - die Besucher marschierten da einfach durch, zum Ärger der Fliesenleger.  Und die Statue war weg! Auch das Denkmalamt hat sich damals beschwert. Dann tauchte die Figur aber wieder auf – und steht seither vor dem Hallenbad Nord.

Was gehörte zu Ihren Aufgaben?

Ich habe die technischen Anlagen betreut und vor allem Aufsicht in der Schwimmhalle geführt. Oft war das Bad von Vereinen, Schulen, DLRG und anderen Gruppen belegt. Zu den allgemeinen Öffnungszeiten war es meistens wahnsinnig voll! Als das Hallenbad Nord Ende 1974 öffnete, war das eine große Erleichterung! Im Uhlandbad hat man die Badezeiten dann auf 1,5 Stunden verlängert - vorher musste man ja nach einer Stunde fix und fertig umgezogen und draußen sein. Wir hatten die Aufgabe, die Badezeiten immer genau zu kontrollieren – damals gab es noch ein Kassenhäuschen, in dem saß Frau Schuster. Wichtig war das vor allem an den Warmbadetagen. Nach der Sanierung der Technik hatte man einen zweiten Warmbadetag einführen können.

Man musste viel schlichten! Vor allem an den Tagen, an denen es brechend voll war und manche Gäste mehr im Becken gestanden und geschnattert haben, so dass die Schwimmer sich behindert fühlten. In den frühen 70er Jahren gab es oft Diskussionen wegen der Bademützenpflicht. Auch die meisten jungen Männer hatten ja damals lange Haare und so mancher Student viele Argumente parat.

Hatten Sie auch mit Wannenbädern und Duschen zu tun?

Mein Einsatzbereich war hauptsächlich die Schwimmhalle, doch das gehörte auch dazu. Die Badewannen und Duschen befanden sich im Keller, in kleine Kabinen rechts und links neben dem Schwimmbecken. Das funktionierte so: Man kaufte sich sein Kärtle, wurde dann aufgerufen und bekam eine Duschkabine oder Badewanne zugeteilt. Am Samstag war natürlich am meisten los! Man konnte auch Seife kaufen oder Handtücher leihen. Auch beim Baden war die Zeit begrenzt: Wenn Schluss war, ertönte ein Gong.

Hin und wieder ging es hoch her. Ich erinnere mich an einen Vorfall, wo jemand mit einem Spiegel von unten in die benachbarte Duschkabine „spioniert“ hatte. Der Ehemann der dort duschenden Kundin hat das mitgekriegt und wurde so wütend, dass er den Täter fast massakriert hätte. Da musste ich dazwischen gehen ...

An was erinnern Sie sich besonders gern?

An nette Kontakte zu Badegästen und Kollegen. Die familiäre Atmosphäre im Uhlandbad hab ich sehr gemocht! Man wusste immer genau, wer wann kommt. Natürlich hab ich auch viele Schwimmkurse gegeben. An eine Gruppe erinnere ich mich noch sehr gut: Das waren ältere Damen vom Land, die ihre Leben lang in der Landwirtschaft mithelfen mussten und nie Gelegenheit zum Schwimmenlernen gehabt hatten. Nun wollten sie das nachholen. Es hat ein bisschen länger gedauert, war aber sehr lustig. Und alle wurden treue Stammkundinnen! Nach der Schwimmstunde, die meist kurz vor meinem Dienstende lag, haben sie mich regelmäßig ins Café Lieb eingeladen.

Folge 21: Die Schwimmlehrerin: Elisabeth Kumpf

Die Schwimmlehrerin: Elisabeth Kumpf

Viele Tübingerinnen und Tübinger haben im Uhlandbad Schwimmen gelernt. Heute kommt eine Lehrerin zu Wort. Folgende Zuschrift hat uns von Elisabeth Kumpf aus Rottenburg erreicht:

Zweite Heimat Hallenbad

„Im Jahre 1959 bekam ich als Lehrerin für Handarbeit, Hauswirtschaft und Turnen meine erste Anstellung an der Albert-Schweizer-Realschule und der Hölderlin-Schule in Tübingen. Zuerst bekam ich einen Lehrauftrag im Sport, und zwar im Schwimmen für verschiedene Klassenstufen. Da viele Kolleginnen und Kollegen schon älter waren, wurde der Schwimmunterricht gern an die junge Lehrerin abgegeben. Und so kam ich ins Uhlandbad!

Voller Begeisterung unterrichtete ich viele Stunden lang die unterschiedlichsten Kinder im Uhlandbad und lernte dabei das Personal des Hauses gut kennen. Alle waren sehr hilfsbereit und nett zu mir. Da ich so viel Zeit mit großen Klassen im Bad verbrachte, hörte ich von den Angestellten regelmäßig: „Sie sind ja immer noch da!“ Ich war gern Dauergast.

Überhaupt war für mich ein Hallenbad etwas Neues, denn weder an meinem Heimatort Nürtingen noch im Seminarort Kirchheim gab es eines. Wir lernten das Schwimmen im Neckar, und im Sommer trainierten wir intensiv im Freibad. So war für mich das Hallenbad in Tübingen etwas Besonderes und ich sah es als meine Aufgabe an, dass die Kinder so schnell wie möglich das Schwimmen lernten und Freude dabei hatten.

Tübingen kann stolz auf sein Uhlandbad sein. Ich gratuliere zum Jubiläum!“

„Wie der Bodensee!“

Und nun die Sicht einer Schülerin, Elisabeth Kögel, die um 1950 als 6.-Klässlerin im Uhlandbad Schwimmen lernte. Nach eigener Aussage war der erste Eindruck überwältigend:  „Als ich dahin kam, hab ich gedacht: Das ist ja so groß wie der Bodensee!“ Der Kuppelbau kam ihr wunderbar vor. Viele Jahre lang war sie nun jede Woche hier. Vom Schwimmunterricht selbst blieb vor allem in Erinnerung, dass die Schwimmlehrerin, das Fräulein Fuchs, großen Wert auf die kalte Dusche vorher und nachher legte. Und dass sie damals selbstgestrickte Badeanzüge trug - was in der Zeit allgemein sehr beliebt war.

Folge 22: Blick ins Archiv: „In aller Öffentlichkeit“ – gesammelte Beschwerden aus den 50er Jahren

Blick ins Archiv: „In aller Öffentlichkeit“ – gesammelte Beschwerden aus den 1950er Jahren

Interessante Einblicke in den Alltag des traditionsreichen Uhlandbads liefern die im Stadtwerke-Archiv gesammelten Beschwerden von Badegästen aus 100 Jahren. Viele sind es allerdings nicht – das Zusammenspiel der Schwimmer unterschiedlichster Couleur, der Aufseher und Bademeister scheint überwiegend reibungslos funktioniert zu haben. Hier eine Auswahl aus den 1950er-Jahren:

„Das Getümmel wilder und rücksichtsloser Männer“

Noch in der Nachkriegszeit waren die Damen im Uhlandbad weit in der Unterzahl. Dass man gemeinsam mit Männern badete, war außerdem noch ein recht junges Phänomen - und nicht jedem recht. Des Öfteren kam es zu Beschwerden über das unsittliche Benehmen französischer Soldaten. Besonders berufstätige Frauen fühlten sich benachteiligt: „In Ihrem neuen Stundenplan ist leider an keinem einzigen Tag in der Woche das Schwimmbad nach 6 Uhr abends für Frauen allein reserviert“, heißt es in einem Brief vom Oktober 1950. Und weiter „Da es aber nicht jeder Berufstätigen Geschmack ist, sich auch des Tages Müh und Arbeit in das Getümmel wilder und rücksichtsloser Männer zu begeben, würde es sicher von vielen dankbar begrüßt werden, wenn für sie wenigstens an einem Tag in der Woche die Möglichkeit geboten wäre, unter sich ungestört dem Schwimmsport huldigen zu können.“  Eine Verlängerung der Damenzeiten war allerdings nicht möglich.

Schon im März des Jahres 1950 hatte der Architekt B. an Oberbürgermeister Mülberger Ähnliches berichtet: „Sofort nach Aufsuchen des Schwimmbeckens wurde meine Frau von einem französischen Soldaten in der schamlosesten Weise unsittlich belästigt (...) zum Gaudium seiner Kameraden. (...) Die Belästigungen waren so beleidigend und gewalttätig, dass meine Frau das Schwimmbecken verlassen musste. Der Bademeister hat sich (...) sehr energisch ins Zeug gelegt, konnte aber nicht erreichen, dass der Franzose das Bad verließ.“ In der Folge waren Gespräche mit dem französischen Oberst Brochu geführt worden, der auf die scharfen Anweisungen für das Verhalten seiner Besatzungssoldaten verwies.

„In aller Öffentlichkeit!“

Die meisten Klagen betrafen allerdings die Duschen in der Schwimmhalle, wo es für Männlein und Weiblein nur eine einzige geschlossene Einzelkabine und daher lange Wartezeiten gab. Die offenen Duschen am Ende der Schwimmhalle waren vielen nicht intim genug. „Ich bitte um Auskunft, wie lange der Aufenthalt in der Einzelkabine zur gründlichen Reinigung bemessen ist“, fragte etwa Frau S. im Juni 1954 und klagte ihr Leid:  (...) bin ich meist gezwungen, mich unter den Gemeinschaftsbrausen - d.h. also in aller Öffentlichkeit! - zu reinigen, was für eine Frau mit geschlossenem Badeanzug weitaus schwieriger sein dürfte als für Männer mit durchweg freiem Oberkörper! (...) Darüber hinaus empfinde ich es als sehr unpassend, wenn ich unter den Gemeinschaftsbrausen (auf die auch noch die Blicke der Galeriezuschauer fallen!) die kompliziertesten Verrenkungen machen muss, um meinen Körper trotz Badeanzug-Bekleidung zu reinigen.“ Nackt duschen war nicht gestattet, was mit der Vorschrift zur „gründlichen Reinigung“ schwer zu vereinbaren war. „Abgesehen davon, dass es ein unhaltbarer Zustand ist, dass nur ein Einzelduschraum existiert, kann man wohl behaupten, dass es jungen Mädchen und vor allem den männlichen Besuchern eher zuzumuten ist, sich unter den allen Blicken ausgesetzten Gemeinschaftsbrausen abzuseifen, als erwachsenen Frauen!! Als Untermieterin kann ich mich nicht einmal zu Hause gründlich abseifen, da Wasserspritzer auf den Fußboden unvermeidlich wären, von den Wirtinnen aber bekanntlich wie ein Verbrechen geahndet werden!!!“. Die Briefschreiberin schlägt vor, an der Einzelkabine eine Stechuhr anzubringen oder die Gemeinschaftsduschen durch Vorhänge abzuteilen und fügt gleich eine Zeichnung bei (siehe Bild 2).

Im Gemeinderat wurde das Duschproblem mehrfach diskutiert. Ende 1954 sah man im Nachtragsfinanzplan der Stadtwerke vor, die Zahl der Kabinen zu erhöhen und die Verhältnisse in der Gemeinschaftsduschen der Schwimmhalle zu verbessern.

Schwäbische Sparsamkeit

Die Badeordnung der 1950er Jahre begrenzte die Benutzungsdauer der Duschen übrigens auf fünf Minuten, was vom Schwimmwart zu kontrollieren war. Auch in den Arbeitsverträgen des Badepersonals ist die Überwachung des Wasserverbrauchs stets erwähnt: „Die Badegäste sind höflichst zu belehren, dass während des Einseifens die Brausen abgestellt werden sollten“, heißt es in dem des Masseurs Beez von 1951. Noch 1971 wird für die Badewannen festgelegt: „Die Einstellung der Wasserwärme ist bis zu dem genannten Wärmegrad (38°C) durch einmaliges Zulassen von warmem oder kaltem Wasser gestattet. Nicht zulässig ist, das Wasser ständig ab- und zulaufen zu lassen, oder die geleerte Wanne ohne Lösung einer weiteren Eintrittskarte noch einmal zu füllen.“

Folge 23: Hat das Uhlandbad umgebaut: Architekt Winfried Huthmacher

Architekt Winfried Huthmacher und die großen Sanierungen

Auch er hat lebhafte Erinnerungen an Besuche im Uhlandbad als Kind und Jugendlicher. Später sollte er Tübingens älteste Badeanstalt in die Moderne führen: Winfried Huthmacher. Im Jubiläumsfilm erzählt er von Fußwaschbecken, dem Sprung von der Galerie und vom „Nackerten“. Hier soll es nun aber um die späten 1960er und 70er Jahre gehen.

In dieser Zeit häuften sich die Klagen: Das inzwischen 50-jährige Uhlandbad genügte den Anforderungen nicht mehr. Die Einrichtungen waren veraltet und unmodern, das Dampfbad viel zu beengt, die Lüftung schlecht, das Wasser zu kalt, der Verbrauch zu hoch, die Temperaturen in der Schwimmhalle schwer regelbar, es gab zu wenig Garderoben, zu wenig Duschen usw. Kein Wunder, denn er Besuch der Schwimmhalle hatte sich in 10 Jahren verdreifacht und das Uhlandbad, das einst für rund 20.000 Einwohner gebaut worden war, musste nun für über 50.000 Tübinger und 11.000 Studenten herhalten. Erweiterungen waren seit der Errichtung des AOK-Gebäudes nicht mehr möglich; es galt also, die Bedingungen innerhalb der stehenden Wände auszunutzen. Die Stadtwerke begannen eine große Sanierungswelle, um Wasseraufbereitung und Lüftungsanlagen, Duschen und Umkleiden den gestiegenen Ansprüchen anzupassen.

Durch Sanierungen „den Forderungen der Zeit anpassen“

Über den Umbau der Umkleidekabinen in Wechselkabinen wurde an anderer Stelle bereits berichtet (Folge 16). Auch die technischen Anlagen wurden von Grund auf saniert: 1965 die Heizzentrale, die statt Koks- nun mit Ölfeuerung arbeitete. Hochleistungskessel und Öltanks wurden eingebaut. Denn auch Reutlingen, wo man bisher günstigen Koks bezogen hatte, plante den Ausstieg aus der Gaserzeugung. Das Tagblatt lobte die Vorteile der neue Technik: „Während früher zwei Heizer (...) immer kohlrabenschwarz waren, kann heute der Aufseher im weißen Arbeitsmantel seines Amtes walten.“ Auch die Warmwasserbereitung in den alten Dampfkesseln genügte in Spitzenzeiten für die Dusch- und Wannenbäder nicht mehr und musste modernisiert werden. Im Herbst 1966 besichtigten die Herren vom Werksausschuss den Fortschritt der Arbeiten und konnten sich davon überzeugen, „dass seit Jahren alles getan wurde, um das Bad im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten den Forderungen der Zeit anzupassen“, wie das Tagblatt am 1. Oktober schrieb. Zufrieden stellte man fest, dass die Klagen über zu kaltes Wasser verstummt waren: Das Beckenwasser konnte nun konstant auf 24° gehalten werden, ja man konnte sogar an einen Warmbadetag denken: Ab 1969 gab es ihn, für einen Aufpreis konnte man am Donnerstagnachmittag bei Wassertemperaturen von 28-30°C baden. 1972 kam ein zweiter Warmbadetag dazu.

„Das große Verlustgeschäft der Stadtwerke“

All das ging ins Geld. Schon seit den 30er Jahren arbeitete das Uhlandbad nicht mehr kostendeckend. „Das große Verlustgeschäft der Tübinger Stadtwerke“ (Tagblatt, 18.09.1965) wurde immer größer: 1966 (ein Jahr mit 247.000 Besuchern!) überstiegen die Bäderverluste von zusammen 296.000 DM ‒ auf das Uhlandbad entfielen 198.000 DM ‒ die Gewinne der Energiesparten der Stadtwerke um 32.000 DM! Die Stadt musste zuschießen (heute undenkbar, wo die swt neben den Bädern auch noch den defizitären Stadtverkehr betreiben, trotzdem Gewinne machen und im Schnitt 14 Mio. Euro jedes Jahr zum städtischen Haushalt beitragen!). Immer wieder mussten die Badetarife angehoben werden ‒ wie in diesem wirtschaftlich katastrophalen Jahr 1966, in dem Personalkosten und Entwässerungsgebühren um ein Vielfaches gestiegen waren. Und immer wieder ‒ so zeigen es die Diskussionen in Gemeinderat und Werksausschuss ‒ machte man sich die Entscheidung nicht leicht.

Beim Angebot gab es Abstriche: 1966 gab man das vollkommen unrentable Dampfbad aufgegeben, dessen Besuch ‒ auch wegen modernerer Alternativen in den Kliniken ‒ stark zurückgegangen war und das nur unzureichend belüftet werden konnte. Bald darauf wurden auch die medizinischen Bäder eingestellt. Die Dusch- und Wannenbäder wurden mit steigendem Lebensstandard immer seltener aufgesucht: Nicht einmal halb so viele Tübinger wie noch 10 Jahre zuvor, „nur“ etwa 20.700, stiegen 1967 noch in die städtischen Badewannen. Die Klassen 1 und 2 wurden zusammengelegt und die Öffnungszeiten reduziert. 

Uhlandbad „vorteilhaft verjüngt“

Anfang der Siebzigerjahre gingen die Arbeiten weiter, nun unter der Regie des Architekturbüros Salomon & Huthmacher: „Das war mein erster großer Auftrag als junger Architekt“, erinnert sich Winfried Huthmacher. Zuerst bekam das Bad eine schicke Eingangshalle im Geschmack der Zeit, die das Tagblatt am 17.09.1971 gar zum Schwärmen brachte: Nicht wiederzuerkennen sei das „vorteilhaft verjüngte“ Uhlandbad: „Und wenn man nur diese Halle sieht, könnte man meinen, Tübingen habe sich ein ganz neues Hallenbad zugelegt.“ Wo früher Friseursalons und die Massage untergebracht waren, standen nun Sitzbänke nun eine gläserne Kassenbox mitten in der Halle, die mit einem „farblich abgewogenen Keramikrelief“ geschmückt war: „eine große Überraschung: Kunst auch in der Domäne der Stadtwerke!“ Eine Million DM hätten die Stadtwerke in den letzten 8 Jahren in die Modernisierung gesteckt, rechnete die Zeitung anerkennend vor; 2 Millionen werden es nach Abschluss der Arbeiten sein.

„Wichtiger noch war es, neue Räume für mehr Komfort und bessere Hygiene zu schaffen“, berichtet Huthmacher. So ließen die Stadtwerke 1972 einen Anbau an der Westseite zur AOK hin errichten. Dieser schuf Platz für Umwälz-, Chlor- und Lüftungsanlagen, zusätzliche Duschen, Toiletten und Sammelumkleiden. Nun war man auch den hygienischen Anforderungen beim Besucheransturm an Warmbadetagen gewachsen.

Das Gewölbe wird abgehängt

Ein Dauerproblem aber blieb: der ohrenbetäubende Lärm, der, wie das Tagblatt am 25.02.1971 schrieb, „aus dem hohen Gewölbe herabzustürzen schien“. Vor allem ältere Besucher klagten darüber, dass von „Schwimmgenuss“ nicht die Rede sein könnte. Bei Schallpegelmessungen während des Schwimmunterrichts hatte man Werte von 90 Phon gemessen! „Wir haben dann 1973 die schallhemmende Decke eingezogen“, so Huthmacher. „Allerdings nicht nur, um Hörschäden zu verhindern. Denn auch für Lüftung und Raumklima war das Gewölbe sehr ungünstig. Feuchtigkeit zog nicht ab, die warme Luft stieg nach oben. In den Umkleiden war es immer zu warm, unten beim Becken immer zu kalt. Zusammen mit der Decke wurde überhaupt erst eine leistungsfähige Belüftungsanlage eingebaut.“ Das Gewölbe der Schwimmhalle ist seither verdeckt - die einschneidende Veränderung am Bau.

Wiedereröffnung im Oktober 1974

Am 11. Juni 1974 öffnete mit dem Hallenbad Nord auf Waldhäuser Ost Tübingens zweites Hallenbad. Und nach der sommerlichen Sanierungspause gab auch das Uhlandbad wieder „Anlass zu Freude“: In der Schwimmhalle sorgten größere Fenster auf der Südseite für Helligkeit, die neue Belüftungsanlage und Wärmebänke für mehr Komfort und angenehmes Raumklima. Die 60 Jahre alten Plättchen des Schwimmbeckens waren erneuert und das Wasserniveau über einen halben Meter angehoben worden, so dass die tiefste Stelle nun 3,80 m maß ‒ die Überlaufrinne am Beckenrand machte es möglich. Außen hatte der Bau seinen ziegelroten Anstrich bekommen. Das Tagblatt befand es „dem im Norden ebenbürtig“ (9.10.1974). Weniger begeistert reagierte das Landesdenkmalamt, das schon im Juni seiner Missbilligung der ungenehmigten Umbauten - vor allem des Abhängens der Gewölbedecke - Ausdruck verlieh. Auch die Entfernung der Figur des Badenden aus der Schwimmhalle wurde getadelt: Der athletische Jüngling Richard Knechts tauchte aber bald darauf vor dem Hallenbad Nord wieder auf, wo er bis heute steht.

Was bringen Wechselkabinen? Oder: Wie viele Gäste schwimmen überhaupt?

Wie üblich wurden auch die Umbauten des Uhlandbads von Tübingerinnen und Tübingern in den Leserbriefspalten des Schwäbischen Tagblatts stets kritisch begleitet. Am 30.08.1963 äußerte sich ein Leser kritisch zu den neuen Wechselkabinen: „So schön es ist, wenn sich 105 Leute in einer Stunde im Bad umziehen können, baden können diese 105 auf keinen Fall, denn dazu ist das Becken viel zu klein.“ Stimmt nicht, so der Kommentar des Bademeisters Kelger: „Zuviel Garderoben haben wir nicht, denn ein Teil der Gäste zieht sich aus und möchte einen leeren Schrank vorfinden, der 2. Teil zieht sich gerade an, der 3. Teil duscht, der 4. sitzt auf einer Bank und nur der 5. badet gerade.“

Folge 24: Sorgte für Ordnung: Manfred Schwarz

Sorgte für Ordnung: Manfred Schwarz

Als junger Stadtwerke-Mitarbeiter hat er die Sanierungsarbeiten begleitet, später leitete er die Bäderverwaltung. Manfred Schwarz berichtet Erinnerungen an seinen Einsatz fürs Uhlandbad:

„Dass der Schauspieler nackt ins Schwimmbecken sprang, konnte ich nicht verhindern!“ Manfred Schwarz hat so einige Anekdoten auf Lager, wie die vom Filmdreh 1969. Damals sollte er im Auftrag der Stadtwerke die Dreharbeiten eines vielversprechenden Tübinger Jungfilmers im Uhlandbad organisieren und überwachen. „Von der Empore aus habe ich natürlich die Akteure unten in der Schwimmhalle beobachtet. Plötzlich ließen die alle Hüllen fallen. Nacktaufnahmen in einem öffentlichen Bad – das ging gar nicht!“

Morgens um 5 Uhr zur Stelle

Damals war er in seinem 2. Dienstjahr bei den Stadtwerken und unter anderem in der Bäderverwaltung tätig. Und da gab es Einiges zu tun: Gerade hatte der Gemeinderat für die dringend notwendige Sanierung des Uhlandbads gestimmt. Eine große Sache! Doch auch andere „Baustellen“ waren dringlich: „Leider musste ich feststellen, dass im Uhlandbad ein gewisser Schlendrian eingekehrt war. Guter Service und einwandfreie Hygiene funktionieren nur mit einem gewissen Maß an Disziplin. Den Schwimmmeistern damals hat die Frühschicht mit den Vorbereitungsarbeiten ab 5 Uhr gar nicht zugesagt. Also hab ich Kontrollgänge gemacht, bin regelmäßig zu Beginn der Frühschicht hingefahren. Einmal bin ich dabei in eine Radarfalle gesaust – woraufhin der Ordnungsamtsleiter sich erkundigte, was ich zu solch einer Zeiten denn mit dem Dienstwagen in der Stadt zu suchen hätte ...“

Wie spätere Mitarbeiter berichten, war man sich in den Bädern nie sicher, wann „der Schwarz“ auftaucht. Noch Jahre danach hat er jeden Morgen persönlich die Post in den Tübinger Bädern abgeholt. Da war er längst Abteilungsleiter und Prokurist.

„Einem höheren Beamten widerspricht man nicht!“

Im Uhlandbad hatte er zunächst für die Schließung der unrentablen Wäscherei gesorgt, dann die Sanierungsarbeiten mit der kompletten Umgestaltung des Vorbaus: Die Wannenbäder zogen um, Wände wurden eingerissen, eine Empfangshalle entstand. Die Schwimmhalle wurde durch neue Lüftungs-, Reinigungsanlagen und ein vertieftes Becken mit Überlaufrinne aufgewertet, der Sanitär und Hygienebereich vergrößert. Später folgte die Umstellung der Wärmeversorgung und Anbindung der Fernwärmeschiene Uhlandstraße. Im Zuge der Öffnung des Hallenbads Nord 1974 organisierte er die neue Preisgestaltung der Bäder und setzte sich dafür ein, die Begrenzung der Badezeit endlich aufzuheben.

„In dieser Zeit waren viele Abstimmungen mit der Stadt nötig und ich wurde oft aufs Rathaus zitiert“, berichtet Schwarz. Da ging es durchaus zur Sache: „Als ich den Oberbürgermeister Gmelin mit „Herr Gemlin“ ansprach, gab es einen Rüffel: ‚Sie können mich ruhig mit Herr Oberbürgermeister ansprechen‘, hieß es. Und als ich einmal mit einem städtischen Amtsleiter aneinandergeriet, ließ mich kurz darauf die swt-Werksleitung wissen: ‚Einem höheren Beamten widerspricht man nicht!‘“


„Schlagt ihn doch zusammen!“

Natürlich erinnert auch er sich an die Affäre um den „steinernen Jüngling“: „Beim Umbau der Schwimmhalle und des Beckens gab es für die Figur des Jünglings keinen Platz mehr. Sie wurde zudem als altmodisch und unpassend empfunden. Der sehr temperamentvolle damalige Betriebsleiter des Uhlandbads, Lange, schlug kurzerhand vor, die Steinfigur zusammenzuschlagen. Der Architekt Huthmacher ließ sie aber verpacken und sicherstellen. Nachdem sich die Witwe des Künstlers nach dem Verbleib erkundigte, haben wir sie schnell wieder herbeigeschafft und 1974 vor dem Eingang des Hallenbads Nord aufgestellt.“ Was er heute bedauert: „Leider ist vor und während der Sanierungsarbeiten in den 60er und 70er Jahren kaum etwas fotografiert worden – sodass es heut kaum Bilddokumente vom alten Uhlandbad aus dieser Zeit gibt.“

Er selbst kennt das Uhlandbad als Innenstadt-Kind auch aus dem Schulunterricht. „An die Mutsprünge von der Galerie erinnere ich mich gut. Weniger gern an unseren schrecklich strengen Sport- und Schwimmlehrer Nassel, vor dem ich mich richtig gefürchtet hab. Als ich bei den Stadtwerken anfing, traf ich im Uhlandbad eine frühere Nachbarin wieder, die Kassiererin Maria Schuster, die mich schon als Kind kannte. Jedesmal erzählte sie mir, wie ich im tiefsten Winter auf dem Heimweg „Alle Vögel sind schon da“ gesungen hab  – eine nette Begegnung!“

Folge 25: "Wir Kinder mussten immer warten!" Erinnerungen ans Wannenbad Lustnau

"Wir Kinder mussten immer warten!" Erinnerungen ans Wannenbad Lustnau

1974 war ein Jahr der Veränderungen in der Tübinger Bäderlandschaft: Auf Waldhäuser Ost eröffnete das langersehnte zweite Hallenbad. Am 8. Juli beschloss der Gemeinderat, das Wannenbad in Lustnau aufzugeben.

Zum Baden ging man in die Schule

Jahrzehntelang diente das „Gemeindebad“ in der Dorfackerschule Groß und Klein zur Körperpflege. 1928 hatte es die Gemeinde im Untergeschoss des neuen Flügels einbauen lassen – samt einer Zentralheizung, finanziert durch eine großzügige Stiftung. Ursprünglich gab es ein kleines Becken für die Schüler und fünf Wannen für Öffentlichkeit, später auch Duschen. 1930 ordnete die Gemeinde an, die Bäder an allen Tagen für Frauen und Männer zuzulassen, da „jeder Badende seine eigene Kabine habe und eine Trennung nach Geschlechtern unbedenklich und eine ständige Aufsicht durch den Bademeister und seine Frau vorhanden sei.“ Laut Gemeinderatsbeschluss 1932 sollte den Schulkindern im Winter häufiger Gelegenheit zum Baden gegeben werden: „Als erwünscht wird bezeichnet, wenn die Kinder wenigstens 1 mal im Monat zum Bade kommen“, heißt es im Protokoll.

Während des Zweiten Weltkriegs war im Schulhaus eine Abteilung des Deutschen Roten Kreuzes untergebracht. 1945 bis 1947 blieb das Wannenbad Lustnau geschlossen; 1951 ging es – wie die anderen städtischen Bäder – an die Stadtwerke über. An manchen Wochenenden stiegen 150 Leute hier in die Wanne. Doch auch in Lustnau hob sich in der Nachkriegszeit allmählich der Lebensstandard, in Häusern und Wohnungen hielt moderner Komfort Einzug: Badezimmer wurden eingebaut. Damit fiel für viele der gewohnte Gang zum öffentlichen Wannenbad weg. An den Benutzerzahlen lässt sich dies gut ablesen: Bereits 1961, als man immerhin noch an die 5.000 „Badevorgänge“ zählte, bleib das Wannenbad sonntags geschlossen. 1965 wurden noch fast 3.600 Wannen- und Brausebäder abgegeben, bis 1970 sank die Besucherzahl auf rund 2.000. Einmal Baden kostete damals 1,70 DM, für Kinder 70 Pfennig, sonntags 10 Pfennig mehr. Anfang der 70er Jahre öffnete man aus Spargründen nur noch samstagnachmittags von 14 bis 18 Uhr. Im Jahr der Schließung kamen nur noch zehn Lustnauer regelmäßig. Die wurden nun ans Uhlandbad in der Stadt verwiesen, wo je 14 Duschen und Badewannen zur Verfügung standen.

„Richtig Baden war so schön!“

In gemütlicher Runde fragten wir einige „alte Lustnauer“, Kurt Fromm und seine Cousinen Emma Nestel und Rosemarie Busch, nach ihren Badeerinnerungen:

  • „Ich erinnere mich an etwa acht Wannen und eine Dusche. Richtung Schulhof gab es ein Sitzbad. Der Zugang von außen war von der Riekertstraße her, da wo heute die Mülltonnen stehen.“
  • „Wochenends ging man ins Wannenbad – das gehörte einfach dazu. Als Kinder wurden wir samstags oder sonntagmorgens hingeschickt. Seife und Handtuch hatte man dabei. Meistens herrschte großer Andrang. Man musste warten, bis man aufgerufen wurde.“
  • „Wenn wir Kinder ankamen und Ältere waren schon da, hieß es: ‚Du kannsch warte!‘ Manchmal warteten wir ein bis zwei Stunden auf unser Bad!“
  • „In den 50er Jahren war das Ehepaar Finger für das Bad zuständig. Er war Hausmeister der Dorfackerschule. Später hat der Hausmeister Müller das dann übernommen. Die Badezeit wurde streng überwacht! Keine Chance, länger im warmen Wasser zu bleiben! Nach einer halben Stunde wurde geklopft und zur Eile angetrieben. Alles musste ‚zackzack‘ gehen!
  • „Wir Kinder gingen immer zu zweit in die Wanne. Das hat Spaß gemacht. Daheim wurde natürlich auch im Zuber gebadet – da hatte aber immer nur der erste sauberes Wasser. Mal richtig zu baden war so schön!“
  • „In der Dorfackerschule in der Nachkriegszeit war es sonst nicht gerade komfortabel. Wir Schüler mussten Holzscheite mitbringen, um das Schulhaus notdürftig zu heizen. Und die Klos waren sehr rustikal...“
  • „Der Sauberkeitsbegriff war damals ohnehin sehr dehnbar! Man hat ja lang nicht so oft gebadet oder geduscht wie heute – sich auch nicht so häufig frisch angezogen. Der Aufwand fürs Wäschewaschen war ja noch ein ganz anderer.“
  • „Und das Schamgefühl auch: Das hatte schon etwas Komisches, die Vorstellung, dass sich da alle ausziehen. Man sah damals ja nie Nackte! Selbst nicht im Elternhaus.“

Und wie war es mit dem Schwimmen?

  • „Schwimmen haben wir im Neckar gelernt, bei der heutigen B 27. Und im Goldersbach war unser Spielplatz. Was haben wir da gern im Wasser geplanscht!“
  • „Wir Mädchen haben nicht baden oder schwimmen dürfen, wir mussten so viel bei der Feldarbeit helfen.“
  • „In 50er Jahren waren wir oft im Uhlandbad. Dass die Tübinger Altstadt so schön ist, hab ich als Kind gar nicht gemerkt. Nur das Uhlandbad fand ich schön. Zum Schwimmenlernen bekam man dort Schwimmhilfen aus roten und blauen Korken um den Bauch. Und viele sind von der Galerie ins Wasser gesprungen.“
  • „Nach meiner Erinnerung waren überwiegend Erwachsene im Uhlandbad. Und die Kinder mussten sich unterordnen – sonst haben die Bademeister auch mal kräftig zugelangt.“

Christel Stauß, Enkelin des Hausmeister-Ehepaars Finger erinnert sich:

Marie und Johannes Finger (1. und 4. v. li.) waren 30 Jahre lang ab 1927 in der Dorfackerschule Lustnau tätig. Johannes Finger war gelernter Schlosser, Kriegsteilnehmer im Ersten Weltkrieg und in französischer Gefangenschaft. Zu seinen Aufgaben als Schulhausmeister gehörte es, am Wochenende das Wannenbad und die Dusche für die Lustnauer Bürger zu öffnen. Auch Studenten kamen dorthin, außerdem Schüler der Zimmereifachschule Kress. Mein Großvater hat auch kassiert: Etwa 80 Pfennig kostete 1955 ein Wannenbad. Dazu gab es noch extra feine Duftwasser: Fichtenadel, Lavendel und Chipre für um die 25 Pfennig. Nach jedem Baden haben die Fingers die Wannen wieder sauber gemacht.

Der Hausmeister Erich Müller erinnert sich

Ab Februar 1959 sorgte Hausmeister Erich Müller für den geordneten Badebetrieb in der Dorfackerschule. Für die Festschrift zum 100-jährigen Bestehen hat er aus seinem Alltag als „Badewärter“ berichtet: 23 Bewerber hatte es für die Hausmeisterstelle gegeben. 20 DM bekam er damals für seine Wochenendeinsätze im Wannenbad. Die Bedienung der Dampfheizung erforderte viel Zeit: Im Winter musste schon morgens um 4 Uhr eingeheizt werden, damit es zu Unterrichtsbeginn in den Schulräumen warm genug war. Stündlich war das Wasser nachzufüllen – und die alten Heizkörper sollen heftig rumort und geknallt haben. Als Badewärter war er dazu angehalten, darauf zu achten, dass niemand die Badezeit  überschritt und dass Kinder nicht ohne zu bezahlen eingeschleust wurden.

Quellen: Archiv Stadtwerke Tübingen, Richard Kehrer/Lustnauer Geschichtsverein, Dorfackerschule Lustnau

Folge 26: Déjà-vu in Bergisch-Gladbach – Brigitte Schweizer entdeckt ein zweites Uhlandbad

Déjà-vu in Bergisch-Gladbach – Brigitte Schweizer entdeckt ein zweites "Uhlandbad"

Die Hallenschwimmbäder der Kaiserzeit entstanden alle nach dem gleichen Muster. Auch das Uhlandbad folgte dem damals angesagten Plan. So kommt es, dass eine Tübingerin sich auch im fernen Bergisch-Gladbach gleich heimisch fühlt.

Brigitte Schweizer berichtet: „Ab 1972 war ich mit meinen kleinen Kindern sehr oft im Uhlandbad. Die ältere Tochter nahm am Schwimmkurs teil, während die Tragetasche mit dem Baby am Rand des Schwimmbeckens stand. Später haben die Kinder im Schwimmverein in der Schwimmgruppe von Herrn Gildenhardt mitgemacht. Als wir in die Kölner Gegend umzogen, haben wir dort einen Schwimmverein und ein kleines Bad gesucht – so kamen wir nach Bergisch-Gladbach ins Hans Zanders Bad. Da erlebten wir eine Überraschung: Außen sah es zwar anders aus, doch innen war alles exakt so wie in unserem heimischen Uhlandbad! Ich erfuhr dann, dass dieses Schwimmbad ebenfalls 1914 gebaut worden war.“

Der neueste Schrei: Das Volksbad  

Seit 1855 in Berlin mit der Eröffnung der ersten deutschen Badanstalt die Mode der Volksbäder aus England  herüberschwappte, war auch hierzulande eine echte Badebewegung entstanden. Sport im Allgemeinen und das Schwimmen im Besonderen wurden immer populärer, neue Therapieformen und die Lebensreformbewegung taten ein Übriges. Um die Jahrhundertwende wurden auch im Südwesten eifrig Bäder gebaut, die ebenso dem Schwimmsport wie der Körperpflege und Gesundheit dienten: Heilbronn, Göppingen, Cannstatt, Ettlingen, Schwäbisch Gmünd und Heidenheim bekamen in jener Zeit Volksbäder. 1907 öffnete das Merkel`sche Schwimmbad in Esslingen, eine Fabrikantenstiftung im eleganten Jugendstil. Das von Paul Bonatz beeinflusste Tübinger Uhlandbad fiel 1914 zwar nüchterner aus, besaß aber mit seinem 24 m langen Schwimmbecken das größte weit und breit.

Neptun oder „Nackerte“ krönen das Schwimmbecken

Allen Bauten gemeinsam war die Unterteilung in einen Trakt für Reinigungsbäder und die Schwimmhalle selbst. Diese war immer mit Galerie für die Umkleiden und mit Gewölbe versehen. Auch im Erdgeschoss gab es zu beiden Seiten des Schwimmbeckens mit Vorhängen versehene Umkleiden. Am Kopf schmückte meist eine Brunnenfigur oder Skulptur den Zulauf des frischen oder umgewälzten Wassers – so auch der später ausgemusterte „Nackerte“ im Uhlandbad. Die Sprungbretter ragten von den Ecken her schräg ins Becken hinein und Stangen am Beckenrand sorgten für Halt. Oft gab es – wie auch im Uhlandbad – Buntglasfenster und andere dekorative Elemente wie Zierbrunnen.

Übrigens: Wer einmal schwimmen will wie vor 100 Jahren, sollte ins Merkel`sche Schwimmbad in Esslingen gehen, dass wunderschön restauriert als Wellness-Bad dient. Weiter entfernte Beispiele sind das Jugendstilbad Darmstadt von 1909 und das Elisabeth-Bad in Aachen von 1911, denen man ebenfalls ihr ursprüngliches Aussehen wiedergegeben hat und die dem Uhlandbad sehr ähnlich ist. Statt getrennter Badezeiten für Männlein und Weiblein gab es dort allerdings gleich ein eigenes „Frauenbad“, und wie in Tübingen gehörte seinerzeit ein Hundebad zum Angebot.

Folge 27: Der Vorgänger: Das Ludwigsbad (1899–1903)

Der Vorgänger: Das Ludwigsbad

Das Uhlandbad war nicht das erste Hallenbad in Tübingen – vielmehr gab es einen Vorgänger: Das Ludwigsbad am Neckartor.

Ende des 19. Jahrhunderts setzte in Tübingen mit der Ära des Oberbürgermeisters Hermann Haußer eine rege Bautätigkeit ein, die Tübingen in den nächsten 30 Jahren über 800 neue Gebäude bescheren sollte und die Stadt in die Moderne führte. 1899 bekamen die damals 14.000 Tübinger auch ihr erstes Hallenbad! Der Mühlenbesitzer und Gemeinderat Louis Schnaith richtete es im Eckhaus am Neckartor ein ‒ heute befindet sich an dieser Stelle die Neckarapotheke. In dem stattlichen Gründerzeitbau betrieb Schnaith außerdem ein kleines Elektrizitätswerk, so dass das elegante „Ludwigsbad“ neben elektrischer Beleuchtung und „ebensolchem Läutwerk“ auch Lichtbäder anbieten konnte. Der Namen war zu Ehren Ludwig Uhlands gewählt worden, dessen Wohnhaus ja gleich gegenüber stand. Zum Angebot gehörten Wannenbäder, russisch-römische, Kohlensäure- Fichtennadel und Schwefelbäder, Massage und Kneipp-Kuren und ein kleiner Imbissraum. Der Eintritt kostete für Erwachsene 40 Pfennig, ein Jahresabonnement 20 Mark. Beim Wannenbad gab vier verschiedene „Komfortklassen“, vom „Nobel-Bad“ zu 1 Mark bis zur III. Klasse für 30 Pfennig. Übrigens gab es schon hier – wie später im Uhlandbad – ein Hundebad in Form eines „Reinigungs- und Schwimmbehälters“.

In der ganzseitigen Eröffnungsanzeige, die in der Tübinger Chronik vom 17.11.1899 erschien, versicherte der Besitzer, er habe es sich „zur Aufgabe gestellt, die Benützung der Bäder durch die billigst gestellten Preise einerseits jedermann leicht erreichbar, andererseits durch aufmerksame Bedienung und zahlreiches, tüchtiges Personal so angenehm als irgend möglich zu machen. Ich empfehle das Unternehmen einem geschätzten Wohlwollen und lade zu fleißigem Besuche ergebenst ein.“

„Ein äußerst anmutiger Eindruck“

Die Tübinger Blätter lobten die erste „Tübinger Schwimmhalle“ in den höchsten Tönen: „Alle Freunde eines erfrischenden Bades sind von der prächtigen Gelegenheit zu baden entzückt, vorab die Jugend; nicht minder auch zahlreiche Frauen und Mädchen, die bisher des Schwimmbades in Tübingen überhaupt entbehren mussten und von denen nun manche eifrig nachholt, was sie bisher nicht lernen konnte; das Schwimmen. Die Schwimmhalle macht bei Tag wie nachts bei elektrischer Beleuchtung einen äußerst anmutigen Eindruck.“

Was die Frauen betraf: Vier Stunden jeden Nachmittag war die Schwimmhalle für sie reserviert. In  der Tat hatten die Tübingerinnen zuvor in der Öffentlichkeit nicht schwimmen dürfen – nicht in der beliebten „Badschüssel“ am Mühlkanal, erst recht nicht im offenen Fluss. Ihnen standen lediglich die Badehäuschen im Uferbereich des Neckars zur Verfügung, in denen sie sich – übrigens voll bekleidet – etwas erfrischen konnte. Als die Stadt dann ein Badeschiff erwarb und im Neckar eine erste Freibadeanstalt eröffnete, erhielt diese 1908 auch ein Frauenabteil. Bis in die 30er Jahre wurde in Tübingen streng nach Geschlechtern getrennt gebadet.

Von der Schwimmhalle zum Tanzcafé

Das Ludwigsbad wurde gut besucht, musste aber schon nach drei Jahren wieder schließen, da es trotz städtischer Zuschüsse wegen der hohen Betriebskosten unrentabel war. Auch ergaben sich Probleme durch Feuchtigkeit. In seinen Räumen eröffnete das „Café Ludwigsbad“, 1908 dann das erste Tübinger Kino, das „Metropol“, 1928 abgelöst vom vegetarischen Restaurant und Tanzcafé „Pomona“.

Um 1904 hatten von den kleineren süddeutschen Städten Heilbronn, Göppingen, Cannstatt, Ettlingen, Schwäbisch Gmünd, Heidenheim und Esslingen Hallenbäder. Den Tübingern blieben nach dem kurzen Intermezzo des Ludwigsbads wieder nur die Badestuben, wie die Eberhardtei im Erdgeschoss des Hölderlinturms, wo warme Bäder, Sturz- und Brausebäder verabreicht wurden. Der Ruf nach einem „Volksbad“ wurde immer lauter. 1906 begann die Stadt damit, Geld in einem Badfonds anzulegen. Nachdem die fortschrittliche, kostensparende Wärmeversorgung gesichert war, konnte 1912 der Bau des Uhlandbads beschlossen werden.

Folge 28: Blick ins Archiv: "Die verhauene Fresse" – Ärger mit den Korporierten (1927)

Blick ins Archiv: "Die verhauene Fresse" – Ärger mit den Korporierten (1927)

Interessant ist, wie sich anhand der gesammelten Beschwerden und Vorfälle im Uhlandbad ein Sittenbild der jeweiligen Zeit ergibt. Während in der Nachkriegszeit ungebührliches Betragen der Besatzungssoldaten oft Anlass zur Klage gab, war es in den 1960er Jahren die Überlastung durch hohe Besucherzahlen aus der stark gewachsenen Stadt. In den Anfängen waren bisweilen mangelnde Umgangsformen ein Problem: So ließ die Disziplin der Waschfrauen der Uniformwäscherei zu wünschen übrig oder der fehlende Respekt vorm Oberregierungsrat im Wannenbad hatte umfangreiche Schriftwechsel zur Folge (siehe Folge 9). Auch rücksichtsloses Verhalten von Studenten regte so manchen „braven Bürger“ auf, hier ein Beispiel aus den 1920er Jahren:

„Künftig aufs Wannenbad zu verweisen“

1927 beschwerte sich ein Badegast über einen Verbindungsstudenten mit offener Mensur-Wunde an Oberlippe und Wange, der offenbar recht großspurig auftrat. So etwas war damals keine Seltenheit. Offenbar gab es beinahe eine handgreifliche Auseinandersetzung, als der Beschwerdeführer dem Studenten nah legte, das Schwimmbecken zu verlassen und das öffentlich Bad nicht weiter zu verunreinigen. Dass der Bademeister sich weigerte einzuschreiten, war Grund für ein Beschwerdeschreiben über die „haarsträubenden“ Zustände:

„An und für sich schon eine Frechheit, bietet der Anblick einer solch verhauenen Fresse wenig Erfreuliches“, ganz zu schweigen von den gesundheitlichen Risiken: „Leute mit offenen Wunden, Krätze etc. dürfen nicht baden“, wies er auf die Badeordnung hin, auch hier bestünde Infektionsgefahr, die Vorschriften seien zu verschärfen. Der Bademeister musste schriftlich Stellung nehmen. Die Bedenken wurden aber durch das Gutachten des Arztes entkräftet, der herangezogen worden war und bestätigte, dass die Verwundung so schlimm gar nicht war, keine Infektionsgefahr zu fürchten. „Der Laie sehe allerdings dann und wann die Sache etwas anders an. (...) Bemerkt sei noch, das die Badeverwaltung dem Personal schon des Öfteren eingeschärft hat, ja scharf darauf acht zu geben, dass Leute nicht ins Bad zugelassen werden, welche bei den übrigen Badegästen Anstoß erregen könnten. Diese Feststellungen sind aber nicht so einfach, auch gehen die Ansichten hierüber auseinander. In Zweifels- bzw. Anstandsfällen ist aber erneut angeordnet worden, den Betreffenden schließlich auf das Wannenbad zu verweisen.“

Folge 29: Blick ins Archiv: Die Experten – Was hat Paul Bonatz beigetragen?

Folge 29: Blick ins Archiv: Die Experten – Was hat Paul Bonatz beigetragen?

Paul Bonatz (1877-1956) gilt als einer der einflussreichsten deutschen Architekten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ein Blick ins Archiv verrät, dass er auch am Tübinger Uhlandbad tätig wurde.

Wer war Paul Bonatz überhaupt? Als Assistent und späterer Nachfolger des berühmten Theodor Fischer lehrte Bonatz an der TH Stuttgart. Neben seinem bekanntesten Werk, dem Stuttgarter Hauptbahnhof, baute er Wohnhäuser, z.B. für Ferdinand Porsche, das Kunstmuseum in Basel, etliche Neckarstaustufen und Brücken für die Reichsautobahn und arbeitete ab 1936 mit A. Speer zusammen. 1944 emigrierte er in die Türkei, wo er u.a. die Oper in Ankara entwarf. Bonatz gehörte zu den Reformern der Architektur, war aber kein Anhänger des Neuen Bauens. Als Hauptvertreter der „Stuttgarter Schule“ repräsentiert er den gemäßigten, klassisch geprägten Gegenpol zur Avantgarde.

Den Tübingern war er wohlbekannt durch die Universitätsbibliothek in der Wilhelmstraße, eine der modernsten ihrer Zeit, die im November 1912 mit großem Aufsehen eingeweiht worden war. Es lag also nah, Bonatz zu Rate zu ziehen, als die Stadt den Bau einer Badeanstalt in Angriff nahm.

Sachverständige gesucht!

1910 nimmt das Projekt Uhlandbad Formen an: Ein günstiger Bauplatz ist gefunden, „in nächster Nähe des Bahnhofes und einer herrlichen Allee, die vor und nach dem Bad Bewegung und Rast gestattet“. Der Gemeinderat beauftragt Stadtbaurat Karl Haug mit der Planung. Bereits im Februar 1911 legt der erste Entwürfe vor. Diese sehen vor, die große Schwimmhalle quer an den Vorbau anzuschließen, also parallel zur Karlsstraße (siehe Projektzeichnung I). Beim Baubeschluss im November 1912 fällt die Wahl auf Projekt III, bei dem die Schwimmhalle parallel zur Kastanienallee liegt. Der Vorderbau soll große Fenster und ein steiles Giebeldach erhalten.

Da man dem Chef des Hochbauamts zwar viel zutraut, er aber kaum Erfahrung mit vergleichbaren Projekten vorweisen kann – 1914/15 sollte er mit dem Umbau des Museums ein zweites großes Bauprojekt in Tübingen realisieren – werden Sachverständige einbezogen. Für Fragen des Badewesens und der Hygiene stehen der Geh. Hofrat Leo von Vetter, der Schöpfer der Stuttgarter Badeanstalten, und der Leiter des Tübinger Hygiene-Instituts Prof. Dr. Wolf zur Verfügung. Als Baugutachter soll Paul Bonatz gewonnen werden.

Oberbürgermeister Hermann Haußer schreibt ihm am 9. Januar 1913 einen Brief: „Bezugnehmend auf die jüngst stattgehabte mündliche Beredung in unserer Badbauaffaire beehre ich mich die bislang gefertigten Zeichnungen zur gefl. Kenntnisnahme zu übersenden“, und bittet um die Bestätigung, als Baugutachter, „vor allem zu Fragen der Fassadengestaltung und künstlerischen Innenausstattung“, tätig zu werden. Als Honorar schlägt er 1700 Mark vor. Bonatz nimmt an und schon am 20. Januar kommt es zu einem Treffen des „Oberexperten“ mit Haug. Dabei steht zunächst ein dringliches Problem im Vordergrund:

Ärger mit den Nachbarn

Nicht allen gefallen die Pläne der Stadt. Die Witwe Emilie Trautwein, Besitzerin des Nachbargebäudes, erhebt – verständlicherweise - Einspruch gegen das Bauprojekt: „Das Baugesuch verstoße gegen verschiedene gesetzliche & ortsbaustatuarische Vorschriften & der Bau hätte eine erhebliche Schädigung ihres Anwesens zur Folge“, zitiert das Gemeinderatsprotokoll.

1887 hatte Julius Trautwein mit seinem Nähmaschinengeschäft das Eckhaus Karlstraße 2 bezogen, wo er bald auch Fahrräder und Waschmaschinen verkaufte. Damals stand das Haus frei am Ufer der Kronenlache. Dieser Nebenarm des Neckars wurde um 1910 im Zuge der Neckarkorrektur überbaut. (Die Reste der alten Kronlachbrücke entdeckte man 2013 bei Bauarbeiten am Zinserdreieck; sie liegen heute direkt vor dem Uhlandbad). Der tiefe Graben zwischen dem Trautwein-Gebäude und dem Uhlandbad zeugt noch immer vom alten Bachbett, in das die Badeanstalt hineingebaut wurde. So konnte das Untergeschoss – mit Wäscherei und Hundebad – direkt zugänglich gemacht werden.

Im Gutachten von Prof. Bonatz vom 17. Februar 1913 geht es daher vorrangig darum, wie der Bau genau platziert werden kann, um Trautweins die Sicht so wenig wie möglich zu beeinträchtigen. Er schlägt einen Kompromiss vor: Die Fassade sollte 6 statt nur 4,50 Meter vom Gehweg aus zurückgesetzt werden, um auch vom Neckar her eine schöne Sichtachse zu bilden: „in gleichmäßig fortlaufendem Zug mit dem Schlagenhauff’schem Gebäude und in bedeutsamer Wirkung gegen die Eberhardsbrücke“.

Dem stimmt der Gemeinderat am 22. Februar zu und lehnt den Einspruch als unbegründet ab. Doch Emilie Trautwein insistiert und am 7. Juni kommt das Thema noch einmal auf die Tagesordnung. Erst als die Stadt ihr hinter ihrem Gebäude ein kleines Gelände für eine Reparaturwerkstatt zum Sonderpreis von 20 Mark pro Quadratmeter überlässt, einigt man sich.

Was schlägt Bonatz vor? Planänderungen fürs Uhlandbad

Bauausschuss-Protokolle und Schreiben des Städtischen Hochbauamts von Februar und März 1913 verraten rege Diskussionen zum Gutachten des Oberexperten, dessen Empfehlungen man sich zum Großteil nicht anschließen will ...

Zu den gewichtigsten Planänderungen, die Bonatz vorschlägt, gehört die Erhöhung des Vorderbaus durch ein weiteres, drittes Stockwerk. Dies verleihe dem Gebäude eine „monumentalere Wirkung“, außerdem entstünde mehr Platz für Wohnungen für „das verheiratete Personal“. Dem schließt sich der Bauausschuss gern an. Die Idee, das russisch-römische Bad zu vergrößern, in die erste Etage zu verlegen und sämtliche Wannenbäder im Keller unterzubringen, „erscheint durchaus untunlich“. Der „Saunabereich“ bleibt also im Erdgeschoss, das Wannenbad I. Klasse im hellen 1. Stock. Für die große Schwimmhalle, ganzer Stolz der Stadtväter, empfiehlt der Architekt eine horizontale Putzdecke statt des Gewölbes, was man entschieden ablehnt. Mit der Empfehlung, die Galerie sofort – und nicht wie geplant erst später – auszubauen, ist man aber einverstanden. Ein interessantes Detail – und aus den Plänen nicht ersichtlich - ist, dass es an der Westseite zur Kastanienallee einen Balkon für Licht- und Luftbäder geben soll. Bonatz rät zu einer Umrandung durch hohe Eisenstäbe mit Stoffbespannung, um vor den Blicken der Spaziergänger geschützt zu sein.

Am 20. März berichtet die Tübinger Chronik von den Ergebnissen der Prüfung durch Bonatz. Haug überarbeitet die Pläne, im Mai ist Baubeginn. Bonatz bleibt dran, macht auch nach Baustart weitere Vorschläge. So berichtet der Stadtbaumeister dem Gemeinderat am 26. Juli 1913, „dass der Herr Oberexperte Professor Bonatz“ einige kleine Änderungsvorschläge zur Fassade gemacht habe, etwa statt der vorgesehenen ovalen Fenster in der Schwimmhalle kreisrunde zu wählen. Das Kollegium stärkt Haug den Rücken und entscheidet sich für die ovale Form.

Wo bleibt die Kunst?

Zur Innenausstattung liegen leider keine Äußerungen Bonatz‘ vor. Aufwendige dekorative Gestaltung wie in der Tübinger Unibibliothek findet sich im Uhlandbad nicht. Wie das Stadtbauamt in seinem Baukostenvoranschlag 1913 festhält, wünscht man sich durchaus eine „reichere Ausschmückung“, doch würde dies das Budget von 261.400 Mark überschreiten. Es werden daher Stiftungen erwartet. Und die kommen tatsächlich: Vom Zierbrunnen in der Wartehalle, von den schönen Kunstverglasungen (das Fenster in der Schwimmhalle ist vom Gemeinderat gestiftet) und der freistehenden Brunnenfigur (gestiftet von den Gebr. Schweikhardt und Rechtsanwalt Liesching) ist heute allerdings nichts mehr zu sehen. Einzige „Kunst am Bau“ ist heute das Uhland-Relief von 1914 in einer unscheinbaren Nische der Schwimmhalle. „Ohne Prunk, gefällig und zweckmäßig gefügt und ausgestattet“, diese Beschreibung aus der Eröffnungsrede des Oberbürgermeisters Haußer stimmt mehr denn je. Haug erntet viel Lob für sein Uhlandbad. Der Bau spricht die klare Formensprache der Stuttgarter Schule. Offenbar war sein „Pate“ Paul Bonatz zur Einweihung nicht zugegen.

 

Quellen: Gemeinderats- und Bauausschussprotokolle 1913, Stadtarchiv, Unternehmensarchiv swt
Bilder: Stadtarchiv Tübingen

 

 

Folge 30: Blick ins Archiv: Ganz schön dekadent! Das Hundebad (1914-44)

Blick ins Archiv: Ganz schön dekadent! Das Hundebad (1914-44)

Da schlagen Hundeherzen höher: Vor 100 Jahren gehörten auch Vierbeiner zu den Stammgästen im Uhlandbad. Ungewöhnlich? Gar nicht!

Der Markt rund um „Herrchens Liebling“ ist riesig, auch in den Bereichen Tiergesundheit und Hygiene: Hundebäder gehören zum Service in Hundesalons, Rehakliniken für Vierbeiner bieten Therapieschwimmen für Hunde und 2014 eröffnete im hessischen Hanau das „Aquabello“, Deutschlands erstes Hunde-Hallenbad. Zwei Stunden tierisches Badevergnügen kosten dort stolze 12,50 Euro, Duschen und Föhnen inklusive.

So neu, wie man vielleicht glaubt, ist das nicht!

Bereits vor mehr als 100 Jahren gehörte ein Hundebad zur Standard-Ausstattung vieler „Volksbäder“: Das 1901 eröffnete Müller‘sche Volksbad in München hatte ein Hundebad im Untergeschoss, wo bis 1978 ein Hundecoiffeur seine Dienste tat. Auch die Stadtbäder in Augsburg (1903) und Heidelberg (1906), das Elisabethbad in Aachen (1911), das Nürnberger Volksbad (1913) und das Leipziger Stadtbad (1916) boten diesen Service. Im Bismarckbad Altona (1911) existierte das Hundebad bis 1980, bestehend aus Bade-, Scher- und Trockenraum. Im Mannheimer Herschelbad (1920) diente das aufgegebene Hundebad eine Zeitlang als Duschgelegenheit der Bezirksschornsteinfeger. In der Regel waren die Hundebäder – wie auch die Wäschereien und die günstigeren Reinigungs- und Brausebäder - im Keller der Badeanstalten untergebracht.

Up to date: Ein Hundebad für Tübingen

Wer um 1900 in Tübingen seinen Hund nicht einfach im Neckar oder im heimischen Badezuber zu Wasser lassen wollte, konnte dessen Säuberung auch Profis überlassen. Schon das erste Tübinger Hallenbad, das Ludwigsbad (1899-1903) im Eckhaus am Neckartor, besaß neben Wannen-, Dampf- und Kneippbädern ein Hundebad, wie der Blick auf die Eröffnungsanzeige in der Tübinger Chronik vom 17. November 1899 verrät: Es bestand aus je einem „Reinigungs- und Schwimmbehälter“ und kostete für einen großen Hund 70 Pfennig, für einen kleinen 40 Pfennig.

Als die Stadt nach Schließung des Ludwigsbads mit den Planungen für ein Stadtbad begann und der Stadtbaumeister Geilsdörfer 1906 erste Entwürfe zeichnete, sah er darin kein Hundebad vor. Anders sein Nachfolger: Als das Projekt Uhlandbad wenige Jahre später Gestalt annahm, bekam ein „Hundebad“ im Untergeschoss von Anfang an seinen festen Platz in den Grundrisszeichnungen Karl Haugs (siehe Abbildung).

War das eigentlich teuer?

Am 25. Juli 1914 wurde das Uhlandbad feierlich eröffnet. Die ganzseitige Anzeige, die zu diesem Anlass in der Tübinger Chronik erschien, gibt einen Überblick über Öffnungszeiten, Preise und das reiche Angebot, vom Heublumenbad bis zum Schwimmkurs. Auch das Hundebad ist aufgeführt: „Langhaarige Hunde und große Hunde: 1 Mark, alle anderen Hunde: 60 Pfennig“, kann man da lesen. Damit war das Baden für den Vierbeiner deutlich teurer als für Herrchen oder Frauchen. Erwachsene zahlten nämlich 40 Pfennig (Kinder 20 Pfennig) fürs Schwimmen, 70 Pfennig für ein Wannenbad I. Klasse, 10 Pfennig kostete eine Dusche. (Zum Vergleich: Im Nürnberger Volksbad zahlten Hundebesitzer je nach Service und Größe des Tieres 5 Pfennig fürs Einstellen, 40 Pf.-1 Mark fürs Reinigen und 1,50 - 3 Mark fürs Scheren.) Ein richtiger Luxus, wenn man bedenkt, dass um 1914 ein Kilogramm Brot etwa 28 Pfennige kostete.

Emaille-Wanne und Trockenapparat: Wie das Hundebad aussah

Die Eröffnungsschrift zum Uhlandbad vom Juli 1914 verrät, wie es im Untergeschoss der Schwimmhalle aussah: Es „umfasst ein geräumiges Hundebad (mit eigenem Vorraum und Zugang von außen), eine Werkstätte, Warteräume und sechs Brausebäder, sowie als Hauptbestandteil den Warmwasserbehälter, der das durch die Fernleitung geführte Heißwasser aufzuspeichern bestimmt ist.“ Aus den Stellenbeschreibungen für die Mitarbeiter, die im Gemeinderats-Protokoll vom 23. Mai 1914 festgehalten ist, erfahren wir, dass der „Badediener“, also der Assistent des Masseurs und Schwimmlehrers, unter anderem die Aufgabe hatte, die Brausebäder im Keller und das Hundebad zu bedienen. Außerdem musste er die Heizungsanlage und die maschinellen Einrichtungen der Wäscherei überwachen.

Elisabeth Buchhalter, die Tochter des ersten Badmeisters, erinnert sich noch an das Hundebad der 1920er Jahre: „An der Rückseite des Uhlandbads, auf der Gartenseite, war der Eingang zum Hundebad. Es gab eine Emaille-Wanne mit warmem Wasser, da kamen die Hunde rein und wurden abgeschrubbt oder geduscht. Hinterher steckte man sie in einen elektrischen Apparat mit Birnen darin, um ihnen das Fell zu trocknen. Das fanden wir Kinder am interessantesten“, berichtet sie. Solche Warmluftboxen für Hunde waren z.B. auch im Münchner Volksbad im Einsatz. Ob den Hunden das gefiel? Aus einer Verbrauchsstatistik des Uhlandbads von 1933 kann man entnehmen, dass für ein Hundebad – genau wie für die normalen Wannenbäder für „Zweibeiner“ auch – 200 Liter Wasserverbrauch veranschlagt wurden und die Badetemperatur 39 Grad betrug.

So besonders erfolgreich war das Angebot nicht. Mit 178 abgegebenen Hundebädern war 1929 das beste „Hundejahr“.

Hunde im Uhlandbad:

  • 1928: 135
  • 1929: 178
  • 1930: 133
  • 1931: 111
  • 1933: 84
  • 1934: 120
  • 1935: 125
  • (1936-44: keine Belege)

Das Ende des Hundebads

1949 wurde das Hundebad endgültig aufgegeben. Nach der Stilllegung des maroden Gaswerks und dem Ende der praktischen Fernwärmeleitung benötigte man den Platz für den Einbau neuer Warmwasser- und Heizungsanlagen. Auch die dringend notwendige Wasserreinigungsanlage samt moderner Chloranlage wurde in den Kellerräumen installiert. Als das Uhlandbad in der Nachkriegszeit allmählich wieder öffnete – zunächst für die französischen Besatzer, ab Mitte 1949 nach und nach auch für die Tübinger, hieß es also: „Hunde draußen bleiben!“

Dass man trotzdem hin und wieder einen Hund durchs Treppenhaus des Uhlandbads springen sieht, hat seinen Grund: Er wohnt nämlich in der Dienstwohnung im 2. Stock. An der Stelle des alten Hundebades befindet sich heute das moderne BHKW.

Illustrationen:
- (Mops vor Wanne) (Grafik: goetzinger & komplizen)
- Grundriss Untergeschoss Uhlandbad 1911 (Stadtarchiv Tübingen)