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Folge 29: Blick ins Archiv: Die Experten – Was hat Paul Bonatz beigetragen?

Paul Bonatz (1877-1956) gilt als einer der einflussreichsten deutschen Architekten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ein Blick ins Archiv verrät, dass er auch am Tübinger Uhlandbad tätig wurde.

Wer war Paul Bonatz überhaupt? Als Assistent und späterer Nachfolger des berühmten Theodor Fischer lehrte Bonatz an der TH Stuttgart. Neben seinem bekanntesten Werk, dem Stuttgarter Hauptbahnhof, baute er Wohnhäuser, z.B. für Ferdinand Porsche, das Kunstmuseum in Basel, etliche Neckarstaustufen und Brücken für die Reichsautobahn und arbeitete ab 1936 mit A. Speer zusammen. 1944 emigrierte er in die Türkei, wo er u.a. die Oper in Ankara entwarf. Bonatz gehörte zu den Reformern der Architektur, war aber kein Anhänger des Neuen Bauens. Als Hauptvertreter der „Stuttgarter Schule“ repräsentiert er den gemäßigten, klassisch geprägten Gegenpol zur Avantgarde.

Den Tübingern war er wohlbekannt durch die Universitätsbibliothek in der Wilhelmstraße, eine der modernsten ihrer Zeit, die im November 1912 mit großem Aufsehen eingeweiht worden war. Es lag also nah, Bonatz zu Rate zu ziehen, als die Stadt den Bau einer Badeanstalt in Angriff nahm.

Sachverständige gesucht!

1910 nimmt das Projekt Uhlandbad Formen an: Ein günstiger Bauplatz ist gefunden, „in nächster Nähe des Bahnhofes und einer herrlichen Allee, die vor und nach dem Bad Bewegung und Rast gestattet“. Der Gemeinderat beauftragt Stadtbaurat Karl Haug mit der Planung. Bereits im Februar 1911 legt der erste Entwürfe vor. Diese sehen vor, die große Schwimmhalle quer an den Vorbau anzuschließen, also parallel zur Karlsstraße (siehe Projektzeichnung I). Beim Baubeschluss im November 1912 fällt die Wahl auf Projekt III, bei dem die Schwimmhalle parallel zur Kastanienallee liegt. Der Vorderbau soll große Fenster und ein steiles Giebeldach erhalten.

Da man dem Chef des Hochbauamts zwar viel zutraut, er aber kaum Erfahrung mit vergleichbaren Projekten vorweisen kann – 1914/15 sollte er mit dem Umbau des Museums ein zweites großes Bauprojekt in Tübingen realisieren – werden Sachverständige einbezogen. Für Fragen des Badewesens und der Hygiene stehen der Geh. Hofrat Leo von Vetter, der Schöpfer der Stuttgarter Badeanstalten, und der Leiter des Tübinger Hygiene-Instituts Prof. Dr. Wolf zur Verfügung. Als Baugutachter soll Paul Bonatz gewonnen werden.

Oberbürgermeister Hermann Haußer schreibt ihm am 9. Januar 1913 einen Brief: „Bezugnehmend auf die jüngst stattgehabte mündliche Beredung in unserer Badbauaffaire beehre ich mich die bislang gefertigten Zeichnungen zur gefl. Kenntnisnahme zu übersenden“, und bittet um die Bestätigung, als Baugutachter, „vor allem zu Fragen der Fassadengestaltung und künstlerischen Innenausstattung“, tätig zu werden. Als Honorar schlägt er 1700 Mark vor. Bonatz nimmt an und schon am 20. Januar kommt es zu einem Treffen des „Oberexperten“ mit Haug. Dabei steht zunächst ein dringliches Problem im Vordergrund:

Ärger mit den Nachbarn

Nicht allen gefallen die Pläne der Stadt. Die Witwe Emilie Trautwein, Besitzerin des Nachbargebäudes, erhebt – verständlicherweise - Einspruch gegen das Bauprojekt: „Das Baugesuch verstoße gegen verschiedene gesetzliche & ortsbaustatuarische Vorschriften & der Bau hätte eine erhebliche Schädigung ihres Anwesens zur Folge“, zitiert das Gemeinderatsprotokoll.

1887 hatte Julius Trautwein mit seinem Nähmaschinengeschäft das Eckhaus Karlstraße 2 bezogen, wo er bald auch Fahrräder und Waschmaschinen verkaufte. Damals stand das Haus frei am Ufer der Kronenlache. Dieser Nebenarm des Neckars wurde um 1910 im Zuge der Neckarkorrektur überbaut. (Die Reste der alten Kronlachbrücke entdeckte man 2013 bei Bauarbeiten am Zinserdreieck; sie liegen heute direkt vor dem Uhlandbad). Der tiefe Graben zwischen dem Trautwein-Gebäude und dem Uhlandbad zeugt noch immer vom alten Bachbett, in das die Badeanstalt hineingebaut wurde. So konnte das Untergeschoss – mit Wäscherei und Hundebad – direkt zugänglich gemacht werden.

Im Gutachten von Prof. Bonatz vom 17. Februar 1913 geht es daher vorrangig darum, wie der Bau genau platziert werden kann, um Trautweins die Sicht so wenig wie möglich zu beeinträchtigen. Er schlägt einen Kompromiss vor: Die Fassade sollte 6 statt nur 4,50 Meter vom Gehweg aus zurückgesetzt werden, um auch vom Neckar her eine schöne Sichtachse zu bilden: „in gleichmäßig fortlaufendem Zug mit dem Schlagenhauff’schem Gebäude und in bedeutsamer Wirkung gegen die Eberhardsbrücke“.

Dem stimmt der Gemeinderat am 22. Februar zu und lehnt den Einspruch als unbegründet ab. Doch Emilie Trautwein insistiert und am 7. Juni kommt das Thema noch einmal auf die Tagesordnung. Erst als die Stadt ihr hinter ihrem Gebäude ein kleines Gelände für eine Reparaturwerkstatt zum Sonderpreis von 20 Mark pro Quadratmeter überlässt, einigt man sich.

Was schlägt Bonatz vor? Planänderungen fürs Uhlandbad

Bauausschuss-Protokolle und Schreiben des Städtischen Hochbauamts von Februar und März 1913 verraten rege Diskussionen zum Gutachten des Oberexperten, dessen Empfehlungen man sich zum Großteil nicht anschließen will ...

Zu den gewichtigsten Planänderungen, die Bonatz vorschlägt, gehört die Erhöhung des Vorderbaus durch ein weiteres, drittes Stockwerk. Dies verleihe dem Gebäude eine „monumentalere Wirkung“, außerdem entstünde mehr Platz für Wohnungen für „das verheiratete Personal“. Dem schließt sich der Bauausschuss gern an. Die Idee, das russisch-römische Bad zu vergrößern, in die erste Etage zu verlegen und sämtliche Wannenbäder im Keller unterzubringen, „erscheint durchaus untunlich“. Der „Saunabereich“ bleibt also im Erdgeschoss, das Wannenbad I. Klasse im hellen 1. Stock. Für die große Schwimmhalle, ganzer Stolz der Stadtväter, empfiehlt der Architekt eine horizontale Putzdecke statt des Gewölbes, was man entschieden ablehnt. Mit der Empfehlung, die Galerie sofort – und nicht wie geplant erst später – auszubauen, ist man aber einverstanden. Ein interessantes Detail – und aus den Plänen nicht ersichtlich - ist, dass es an der Westseite zur Kastanienallee einen Balkon für Licht- und Luftbäder geben soll. Bonatz rät zu einer Umrandung durch hohe Eisenstäbe mit Stoffbespannung, um vor den Blicken der Spaziergänger geschützt zu sein.

Am 20. März berichtet die Tübinger Chronik von den Ergebnissen der Prüfung durch Bonatz. Haug überarbeitet die Pläne, im Mai ist Baubeginn. Bonatz bleibt dran, macht auch nach Baustart weitere Vorschläge. So berichtet der Stadtbaumeister dem Gemeinderat am 26. Juli 1913, „dass der Herr Oberexperte Professor Bonatz“ einige kleine Änderungsvorschläge zur Fassade gemacht habe, etwa statt der vorgesehenen ovalen Fenster in der Schwimmhalle kreisrunde zu wählen. Das Kollegium stärkt Haug den Rücken und entscheidet sich für die ovale Form.

Wo bleibt die Kunst?

Zur Innenausstattung liegen leider keine Äußerungen Bonatz‘ vor. Aufwendige dekorative Gestaltung wie in der Tübinger Unibibliothek findet sich im Uhlandbad nicht. Wie das Stadtbauamt in seinem Baukostenvoranschlag 1913 festhält, wünscht man sich durchaus eine „reichere Ausschmückung“, doch würde dies das Budget von 261.400 Mark überschreiten. Es werden daher Stiftungen erwartet. Und die kommen tatsächlich: Vom Zierbrunnen in der Wartehalle, von den schönen Kunstverglasungen (das Fenster in der Schwimmhalle ist vom Gemeinderat gestiftet) und der freistehenden Brunnenfigur (gestiftet von den Gebr. Schweikhardt und Rechtsanwalt Liesching) ist heute allerdings nichts mehr zu sehen. Einzige „Kunst am Bau“ ist heute das Uhland-Relief von 1914 in einer unscheinbaren Nische der Schwimmhalle. „Ohne Prunk, gefällig und zweckmäßig gefügt und ausgestattet“, diese Beschreibung aus der Eröffnungsrede des Oberbürgermeisters Haußer stimmt mehr denn je. Haug erntet viel Lob für sein Uhlandbad. Der Bau spricht die klare Formensprache der Stuttgarter Schule. Offenbar war sein „Pate“ Paul Bonatz zur Einweihung nicht zugegen.

 

Quellen: Gemeinderats- und Bauausschussprotokolle 1913, Stadtarchiv, Unternehmensarchiv swt
Bilder: Stadtarchiv Tübingen