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Schickliches und Unschickliches: Bademoden im Uhlandbad

Als das Uhlandbad vor 100 Jahren öffnete, ging es noch etwas anders zu beim Baden, als wir das heute gewöhnt sind. Knappe Bikinis, gemeinsames Schwimmen, nackt duschen – UNMÖGLICH! Die Kaiserzeit war was die Mode und Sitten anging, die Zeit der Korsetts, der bodenlangen Röcke und großen Hüte.

Dass Frauen überhaupt in der Öffentlichkeit baden durften, war in Tübingen ein neues Phänomen und erst 1899-1902 im „Ludwigsbad“, dann ab 1908 im Freibad im Neckar erlaubt. Bis dahin mussten sich die Tübingerinnen mit den kleinen Badehäuschen begnügen, die es am Neckarufer reichlich gab. Die Damen badeten darin komplett verhüllt in langen dunklen Kleidern und schwarzen Baumwollstrümpfen und Badeschuhen - selbst nackte Füße galten lange Zeit als obszön.

In den städtischen „Schwimmanstalten“ wurde von Anfang an dafür Sorge getragen, dass es beim Baden anständig zuging. Selbstverständlich badeten Männer und Frauen auch im Uhlandbad zu getrennten Zeiten.

Wer keine Badekleidung besaß, konnte züchtige Badewäsche leihen: ein Badeanzug oder eine Badehose kosteten 40 Pfennig, ein kleines Badetuch ebenfalls.

Mit der Eröffnung des Uhlandbads erweitern die Tübinger Modegeschäfte ihr Sortiment um Bademode: Anzeige Pfleiderer vom Juli 1914

Vom wallenden Stoffungetüm zum engen Trikot

Um die Jahrhundertwende wurden die Badekleider der Damen zunehmend kürzer. Badekostüme in vielen Kombinationen kamen auf: Hosen, Jacken mit Schößchen, Blusen mit Gürteln, bisweilen elegant verziert mit Bordüren und Stickereien, dazu Badehüte und –hauben.

Die Modefarben Rot, Blau und Weiß lösten das strenge Schwarz ab. Um 1908 kam dann der „Badesack“ in Mode, ein sackartiges Gewand mit Gürtelschößchen und Achselverschluss. Die Herren trugen in jener Zeit gestreifte Trikots und zeigten sich noch selten mit freiem Oberkörper.

1907 wirbt die Tübinger Chronik für die neueste Sommermode: fußfreie Sommerkleider, Fahrrad- und Badekostüme - „Mit Bedacht soll das allerleichteste Kostüm gewählt werden. Denn „ein gutkleidender Badeanzug und eine hübsche Badekappe können eine schön gebaute Gestalt besser zur Geltung bringen als prunkvolle Gewänder“.

„Ich will schwimmen, und das kann ich nicht mit einer Wäscheleine voll Stoff an meinem Körper“, beschwerte sich 1907 die australische Sportschwimmerin Annette Kellermann, warf die Textilmassen ab und sprang am Strand von Boston im schwarzen Wolltrikot ins Wasser. Prompt wurde sie wegen Erregen öffentlichen Ärgernisses verhaftet. Doch die Tage der umständlichen Badekostüme war gezählt. Um 1914 befreite Coco Chanel die Damenwelt vom Korsett und entwarf Bademode aus elastischem Material. Von nun an wurden Badeanzüge aus leichtem Baumwolltrikot produziert, farblich meist dunkel gehalten, mit abgesetzten Rändern. Nach dem ersten Weltkrieg wurden die Farben bunter, die Schnitt enger und gewagter. Die Damen zeigten ebenso ungeniert wie die Herren ihre Knie. Unerhört! Konservative Kreise sahen die Moral in Gefahr. Noch in den 1920er Jahren mussten die Frauen in vielen Badeanstalten über dem modischen Einteiler  einen Rock tragen.

In den 20er Jahren löst das enge Badetrikot die dunklen Badekostüme der Kaiserzeit endgültig ab. Während in vielen Badeanstalten noch ein Rock darüber getragen werden muss, zeigt man in Tübingen viel Bein, wie diese Turnerinnen im Uhlandbad 1920.

Sorgte für Ordnung: der „Zwickelerlass“

Auch der Tübinger Gemeinderat sorgte sich um die „guten Sitten“ in den städtischen Badeanstalten. Der immer freizügigeren Bademode gebot ab 1932 der so genannte „Zwickelerlass“ des preußischen Innenministeriums Einhalt, der nicht nur das Nacktbaden verbot, sondern auch ganz genau regelte, welche Körperteile beim Baden zu verhüllen sind:

„Frauen dürfen öffentlich nur baden, falls sie einen Badeanzug tragen, der Brust und Leib an der Vorderseite des Oberkörpers vollständig bedeckt, unter den Armen fest anliegt sowie mit angeschnittenen Beinen und einem Zwickel versehen ist. Der Rückenausschnitt des Badeanzugs darf nicht über das untere Ende der Schulterblätter hinausgehen. Männer dürfen öffentlich nur baden, falls sie wenigstens eine Badehose tragen, die mit angeschnittenen Beinen und einem Zwickel versehen ist. In sogenannten Familienbädern haben Männer einen Badeanzug zu tragen.“

Vor allem die beinfreie „Dreiecksbadehose“ für Männer galt als skandalös und wurde auch in Tübingen verboten. In einer Bekanntmachung in der Zeitung vom Mai 1933 wird darauf hingewiesen, „dass inskünftig den männlichen Badegästen das Tragen von Dreiecksbadehosen nicht mehr gestattet ist. Auf alle Fälle dürfen nur noch Badehosen mit Beinansatz getragen werden.“ Die Zeiten von Bikini und Tanga waren noch fern ...

Doch immerhin sah die Tübinger Badeordnung von 1933 vor, dass keine Trennung der Geschlechter mehr vorgenommen werden sollte: Zum ersten Mal durften Männlein und Weiblein gemeinsam ins Schwimmbecken - im Uhlandbad immerhin für zwei Stunden am Donnerstag im „Familienbad“. Hier setzte sich das gemeinsame Schwimmen nur langsam durch. Bis 1971 gab es noch eine exklusive Herrenstunde, bis heute können die Damen am Donnerstag von 14-15 Uhr unter sich sein.

Die 1950er Jahre: Bikinis, Kabinenspechte und Nacktduscher

In den 30er Jahren kamen in den USA die ersten Zweiteiler auf, bestehend aus Top und Pumphose. Am 5. Juli 1946 präsentierte Louis Réard im Pariser Schwimmbad Molitor seine neueste Kreation: einen aus vier winzigen Stoffdreiecken bestehenden Zweiteiler, den er „Bikini“ nannte. Nur vier Tage zuvor hatten die USA eine Atombombe über dem Bikini-Atoll gezündet – und auch das neue Badekostüm schlug ein wie eine Bombe! Präsentiert wurde das freizügige Outfit von einer Stripteasetänzerin, da sich die anderen Mannequins geweigert hatten. Später machte Bond-Girl Ursula Andress den Bikini dann populär. Auch im Uhlandbad sah man den Modehit Bikini, wie unsere Zeitzeuginnen berichten, etwa Ruth Winkler, die in den 50er Jahren ihr nagelneues Bikini-Oberteil beim Sprung vom Dreier verlor ...

In früheren Zeiten war es unüblich, sich beim Duschen vor und nach dem Schwimmbad zu entkleiden. Die  gründliche Körperreinigung war vorgeschrieben, sollte aber in Badekleidung erfolgen! Dazu ist zu sagen, dass es im Uhlandbad nur zwei Einzelduschen gab, die einen vor Blicken schützten, alle anderen lagen offen am Ende der Schwimmhalle. Das Aufsichtspersonal wurde angewiesen, im Brauseraum für Ordnung zu sorgen und die Benutzung in „üblicher Badekleidung“ zu überwachen. Nach Beschwerden über Nacktduscher ließen die Stadtwerke in den 50er Jahren Plakate anbringen: „Duschen ohne Badekleidung nicht gestattet!“ Nackte Haut war in jener Zeit eben noch seltener Anblick, was auch das häufige Löcherbohren in die Kabinenwände erklärt.

20 Jahre später – längst war die Erregung über zu wenig oder fehlende Badekleidung abgeebbt – wurde die Bademützenpflicht in den Tübinger Schwimmbädern zu einem vieldiskutierten Thema. 1971 wurde in der Badeordnung der Satz „Weibliche Badegäste müssen Bademützen tragen“ um die „langhaarigen Männer“ erweitert – die Tübinger Hippies lassen grüßen!