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Blick ins Archiv: Von Schamgrenzen und Kabinenspechten (die 1950er Jahre)

In den 1950er-Jahren waren im Uhlandbad die technischen Probleme der Nachkriegszeit überwunden: Nach dem Wegfall der Wärmeversorgung durch das Gaswerk taten neue Heizkessel im Keller des Bades ihren Dienst, das Beckenwasser wurde von einer Wasserreinigungsanlage dreimal täglich umgewälzt, gefiltert und von einer modernen Choranlage keimfrei gemacht. Auch die Einrichtung wurde erneuert, vor allem die durch Feuchtigkeit und Temperaturschwankungen stark mitgenommenen Umkleidekabinen und die Duschen. Die medizinischen Bäder und das Dampfbad standen wieder zur Verfügung, in der Schwimmhalle und den Reinigungsbädern stiegen die Besucherzahlen auf Rekordhöhe. Ein Blick ins Archiv zeigt nicht nur die technischen und finanziellen Schwierigkeiten, die es in der Phase des Neubeginns zu überwinden galt, sondern auch eine Reihe kurioser Zwischenfälle ...

Schäden durch „Kabinenspechte“

Nackte Haut ist in den prüden 1950er-Jahren noch ein seltener Anblick. Kein Wunder, dass die Schwimmbäder „Spanner“ anlocken: Kaum waren im Uhlandbad die Umkleidekabinen erneuert, wurden sie schon wieder durch Vandalismus beschädigt, verrät das Gemeinderatsprotokoll vom 16. Oktober 1950: „Der Vorsitzende teilt mit, außer dem erfreulichen Ansteigen der Besucherzahl im Uhlandbad müsse er die Mitglieder davon in Kenntnis setzen, dass neuerdings irgendwelche Elemente am Werk seien, die das neu hergerichtete Bad wieder verschandeln. Es sei bereits wieder ein Spiegel gestohlen worden. Außerdem seien verschiedentlich Löcher in die Kabinenwände gebohrt worden.“

Mahnende Aushänge im Bad bleiben wirkungslos. Das Löcherbohren entwickelte sich zu einer Art „Volkssport“. Im August 1953 wurde der 19-jährige Kaufmannslehrling Eberhard K. auf frischer Tat ertappt: Eine Garderobenfrau hatte die Sägespäne rieseln sehen. Die Polizei stellte fest, dass mit dem Bohrer, den man im Halbschuh des Übeltäters fand, in sieben Zellen jeweils zehn Löcher gebohrt worden waren. Das Hochbauamt machte daraufhin Bestandsaufnahme im Uhland- und Freibad und meldete am 19. August an die Stadtwerke: „In sämtlichen 64 Umkleidekabinen wurden insgesamt 320 Bohrlöcher festgestellt.“ 75 Schreinerstunden fallen zur Beseitigung an.

Der minderjährige Lehrling bekam wegen „regelmäßig verübten Unfugs“ Schwimmverbot und wurde vom Amtsgericht verurteilt, pro Loch 1 DM, also insgesamt 70 DM Schadensersatz zu zahlen. Außerdem musste er an vier Nachmittagen die Wannenbäder putzen. Abschreckende Wirkung hatte das allerdings nicht ...

Ermittlungen gegen Heiner F.

So erfahren wir aus den Akten von weiteren Strafverfahren, zum Beispiel im November 1961 gegen den Jurastudenten Heiner F.: Auch er soll Löcher in die Kabinen des Uhlandbads gebohrt haben. Der Student war vom Bäderpersonal beim häufigen Wechsel der Kabinen beobachtet worden, in den Zwischenwänden befanden sich neu gebohrte Löcher, darunter lagen Häufchen frischen Holzmehls. Der Beschuldigte hatte zudem einen „Nageldorn“ (Bohrer) bei sich, der exakt der Größe entsprach. Heiner F. hatte allerdings für alles Erklärungen parat: Er hätte die frischen Löcher ebenfalls gesehen und daraufhin in anderen Kabinen nachgesehen, um selbst den Täter zu überführen. Er hätte sich lang im Kabinenbereich aufgehalten, da er noch auf einen Kameraden warten wollte, Kleinwerkzeug für Fahrradreparaturen hätte er immer bei sich - und aufgeregt sei er gewesen, da er gerade aus seinem 1. Staatsexamen gekommen wäre. Das Gerichtsverfahren endete nach einem Berufungsverfahren mit Freispruch.

Wechselkabinen statt Wartezeiten

Als die Stadtwerke in den 60er-Jahren wieder Sanierungen in Angriff nahmen, war die Umgestaltung der Umkleidekabinen auf der Galerie eine große Sache: 1963 und 1964 wurden diese in Wechselkabinen mit separaten Garderobenschränken umgebaut. Nicht mehr durchgehend vom Badegast belegt, können sich dort viel mehr Besucher als zuvor umziehen. Die Entscheidung für ein neues Kabinenmodell hatte sich der Gemeinderat nicht leicht gemacht: Eine eingehende Besichtigung der Verhältnisse vor Ort ging ihr voraus, und für die Wahl der Schränke wurden bei etwa 50 Badeanstalten in ganz Deutschland Erkundigungen eingeholt.

Die Wahl fiel schließlich auf Kabinen der Bauart Kerapid, die „hygienisch einwandfrei“, gut zu lüften und leicht abwaschbar sind. Die Trennwände waren nun gefliest. Um keinen Anreiz zum Anbohren der Wände zu bieten, wurden außerdem die Geschlechter getrennt: Auf der linken Galerie ziehen sich seither die Damen um, rechts die Herren. Die Schrankschlüssel erhielt man nun an einem neuen Schalter, an dem auch Wäsche und Badezutaten ausgegeben, Wertsachen aufbewahrt und die Einhaltung der vorgeschriebenen Badezeit (eine Stunde!) kontrolliert wurde.